Comeback gelungen? Fahrbericht elby City- und Trekking E-Bike

Mit der Marke „ELBY“ will der Magna Konzern, genauer dessen Fahrrad-Antriebs-Sparte BionX, wieder auf dem E-Bike-Markt Fuß fassen. Mit guten Erfolgsaussichten, wie wir finden. Ein Erfahrungsbericht.

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Mit der Marke „ELBY“ will der Magna Konzern, genauer dessen Fahrrad-Antriebs-Sparte BionX, wieder auf dem E-Bike-Markt Fuß fassen. Mit guten Erfolgsaussichten, wie wir finden. Ein Erfahrungsbericht.

Lange Zeit waren die Kanadier ganz vorne im Antriebsmarkt. Zahlreiche bekannte Bikehersteller montierten den kraftvollen Heckmotor samt Steuerung serienmäßig in ihre Räder. BionX setzte Maßstäbe.

Doch dann passierte eine wahre Pannenserie: Im Zuge des Umstiegs auf eine höhere Systemspannung funktionierte plötzlich so gut wie nichts mehr. Der Kredit war schnell verspielt, bald dominierte die Konkurrenz, insbesondere dank neuer Mittelmotorentwicklungen, den Markt. Der ehemalige Primus drohte schließlich in der Versenkung zu verschwinden.

Neueinstieg mit „eigenem” Rad

Was tun, wenn man aus Fehlern gelernt, viel Know-how und Energie in Neu-Entwicklung und Optimierung gesteckt hat, am Ende wieder ein richtig gutes Produkt anzubieten hat, für das sich jedoch kaum mehr ein Bikehersteller interessiert? Gegen die hartnäckigen Vorbehalte ankämpfen, mühsam den ruinierten Ruf wegargumentieren bis sich doch der eine oder andere Abnehmer findet? Man kann aber auch ganz einfach beweisen, wie gut der neue Antrieb funktioniert, indem man ein eigenes Bike mit eigenständigem Konzept mit ihm ausstattet.

Wir haben überprüft, wie gut diese neue Kombination funktioniert.

Anders als bei herkömmlichen Nabenmotoren, die wie eine Trommel geformt sind, hat dieser Hinterradantrieb die Form einer großen, dünnen Scheibe. Dank seines großen Durchmessers realisiert der getriebelose Antrieb ein beeindruckendes Drehmoment. Zudem umgeht er die sonst bei Direktläufern kritische Speichen- und damit Stabilitäts-Situation. Die Speichen enden nämlich kopfseitig statt im Speichenring des Motors an der Radnabe. Dabei können sie sich dreimal kreuzen und ein wenig bewegen, das Hinterrad gewinnt deutlich an Steifigkeit und Flexibilität. Bezüglich seiner Leistung ist dieser Antrieb der einzige, der auch, wenn es wie etwa am Berg, um hohe Dauerleistung bei niedrigen Geschwindigkeiten geht, wirklich mit der Mittelmotor-Konkurrenz mithalten kann. Und das völlig geräuschlos.

Diesen Antrieb packt ELBY nun in einen soliden, der Hersteller spricht von einem „one size fits most“ Rahmen, mit tief sitzendem Akku und niedrigem Durchstieg. Diese Konzeption bietet einen echten Benefit etwa für den touristischen Verleih.

Erster Eindruck

„Ist das ein Moped?“ fragten manche Betrachter bei unseren Testfahrten. Ja, das ELBY erinnert  durchaus an ein solches, mehr jedenfalls als an ein simples Fahrrad. Dazu tragen neben den 26 Zoll messenden Laufrädern mit dicken Reifen maßgeblich die wuchtigen Rahmenrohre bei, die bei „farbiger“ Lackierung – es gibt außer weiß, silber und schwarz auch ein leuchtendes Blau und ein sattes Orange – ein optisches High-Light setzen. Sitz- und Kettenstreben ergeben eine bogenförmige Struktur, die auch den Akku einschließt. Kunststoff-„Bleche“ machen die Übergänge flüssiger und ergeben ein etwas flächiges, dabei durchaus elegantes Gesamtbild. Kurzum, das Design mit dem  tiefen Durchstieg und dem Akku in Bodennähe ist eigenständig und sticht heraus. Nicht umsonst konnte das außergewöhnliche E-Bike auch diverse Jurys überzeugen und etwa in 2016 den Eurobike Award und den Design & Innovation Award 2017 für sich gewinnen.

Antrieb

Der Heckmotor ist, kurz gesagt, eine Wucht. Nominell nur 50 Nm stark, beschleunigt die Scheibe ziemlich vehement. Schon mit dem dritten Pedaldruck wird die gesetzliche Geschwindigkeits-Grenze erreicht. Dort angelangt wird der Motor aber jäh zum Gegenspieler. Bei ca. 26 km/h regelt er nicht nur aus, er bremst sogar ordentlich, da er als klassischer Direkt-Antrieb keinen Freilauf besitzt. Das ist zwar streng regelkonform, aber etwas gewöhnungsbedürftig. Die nordamerikanische Abregelung erst bei 32 km/h passt sicher viel besser zur Motor-Charakteristik. Auffällig ist die unmittelbare Proportionalität der Steuerungsauslegung, man spürt sofort die jeweilige Unterstützung des eigenen Krafteinsatzes. Das macht Spaß und verführt regelrecht zu schnellen Sprint-Einlagen. Überhaupt hat der Antrieb seine Stärke in der Beschleunigung, im Teillastbereich agiert er fast etwas zu sensibel.

BionX Motor
Der großflächige und dabei schmale Direktmotor im Hinterrad

Man braucht ein paar Kilometer, um mit harmonischer Gleichmäßigkeit voranzukommen, aber dann gelingt auch dies bestens. Am liebsten würde man aber ständig anfahren, vehement, geräuschlos und mit dem Vorderrad eine Handbreit in der Luft. Wenn man ganz genau „hinfühlt“, bemerkt man, dass der Antrieb ganz leicht verzögert reagiert. Das ist energetisch ausgesprochen sinnvoll, ist doch die Überwindung des Stillstands bei Direktmotoren die steuertechnisch aufwändigste und energie-intensivste Aufgabe.

Toll auch die Energierückspeisung bei Bergab-Fahrt. BionX war immer Protagonist der Rekuperations-Technik, und beherrscht sie auch entsprechend. Die Intensität der Rückspeisung ist leicht und schnell über Tastendruck einzustellen (4 Stufen), so dass ganz unmittelbar, dem jeweiligen Gelände entsprechend, reagiert werden kann. Energie wird auch beim Bremsen zurück gewonnen, allerdings nur über die Hinterrad-Bremse. Wohl aus Sicherheits-Gründen. Dank der großen Gehäuse-Fläche werden thermische Probleme des Motors sowohl bei der Energie-Rückgewinnung als auch bei – nicht allzu langen -Bergfahrten vermieden.

Batterie

Sie liegt direkt über dem Tretlager und ist mit einem fragil wirkenden Plastikteil gegen Tritte von oben geschützt. Insgesamt, mit dem niedrigen Schwerpunkt als Hauptargument, macht diese Unterbringung einen durchdachten Eindruck. Die Batterie ist durch ein Schloss geschützt, gut herausnehm- und einsetzbar und am vorderen Verriegelungsbügel recht gut zu tragen. Die Ladezeit bewegt sich im üblichen Rahmen, wobei das angenehm leichte und überaus kompakte Ladegerät

Elby Akku
Gut, der mit 550 Wattstunden ordentlich dimensionierte Akku

ohne Ventilator recht warm wird. Der Akku kann auch onboard geladen werden. Die Ladebuchse signalisiert durch einen LED-Ring beim Aufladen bzw. bei Nachfrage unterwegs den momentanen Akku-Status. Die Reichweite beträgt allemal deutlich über hundert Kilometer.

Komponenten

Der Vorbauschaft ist in konventioneller Weise ausgeführt, also ohne Ahead-Vorbau. Das erleichtert die Einstellung des Lenkers, und der hat es auch nötig. Der Vorbauschaft ist nämlich zu kurz geraten. Will man eine aufrechtere Sitzposition erhalten, muss man zum Werkzeug greifen, und da endet der Spaß. Die ungünstige Anbringung des „Licht-UFOs“ am Lenker macht das Einstellen zum Ärgernis. Möchte man die in der Betriebsanleitung avisierten 95 mm Höhengewinn realisieren, muss man sich auch mit den innerhalb des Rahmens verlegten Leitungen für Bremse hinten, Steuer- und Stromleitung auseinander setzen. Die sind nämlich, zumindest teilweise, sehr kurz. Ähnliches gilt für die Einstellung des Scheinwerfers, auch hier hat man wegen der Verkabelung seine liebe Not.

Das Display ist handlich, schön, gut ablesbar, sinnvoll gestaltet und hat drei Anzeige-Modi, die über das Menü aufgerufen werden können. Und wenn das Licht leuchtet, dann tut dies auch das Display. Unser Urteil: Eines der besten am Markt. Modernes Feature: alternativ kann auch ein Smartphone als Steuerungs- und Anzeige-Element dienen.

Fahreindruck

„Bitte jetzt nicht aufhören“ möchte man jedes Mal rufen, wenn einen der kraftvolle und geräuschlose Antrieb wie vom Gummiband gezogen, rasant vorwärts treibt. Was für ein Spaß, bereits mit der zweiten von vier Unterstützungsstufen kommt man in den Genuss von ganz besonderen Fahrerlebnissen. Um dann allerdings nach wenigen Sekunden in eine gefühlte Gegenwind-Sturmboe zu geraten… Ohne Zweifel, das ELBY wäre das ideale S-Pedelec, wenn es denn im Angebot wäre. Für 25 km/h ist es eigentlich über-motorisiert. Leider ist diese Begrenzung aber hierzulande Realität, und so ist dann eben Abwürgen angesagt. Nicht besonders schön, der ständige Wechsel von Beschleunigung und Verzögerung, aber auch so macht das ELBY gute Laune, gibt es doch kaum eine aufregendere Art per E-Bike ans gesetzliche Limit zu gelangen.

Also alles prima? Fast, wäre da nicht noch das eine oder andere Ärgernis, vor allem beim Lenker. Denn die angepriesene „aufrechte Sitzposition“ ist für Leute über 1,60 m Größe nur schwer zu realisieren. Und so sitzen die meisten Fahrer auf dem Tiefeinsteiger-City Bike eher wie auf einem sportiven Trekkingrad.

Die Handgelenke tragen dann die Hauptlast des Körpers und lösen den Sattel als Reichweiten-Limitator ab. Die Unterbringungs-Wut am rechten Lenkerende hat auch negative Auswirkungen auf die Schaltarbeit, da der Hebel zum Hochschalten nur schwer erreichbar ist. Konkret, es bedarf unangenehmer Verdrehungen des Handgelenks, um in einen höheren Gang zu gelangen.

Elbe Lenker
Vollversammlung: hier geht es sehr eng her; ergonomisch ungünstig

Ein eigenes Kapitel stellt der Controller-Ring mit dem stolzen Namen RC3 dar. Er ist mit Schaltern überladen, die im Fall des An/Aus Schalters gar nicht im Gesichtsfeld des Piloten liegen und mit winzigen LEDs bestückt (Akku-Anzeige, Neutral Modus), die insbesondere im Sonnenlicht so gut wie nicht zu sehen sind. Das lenkt vom Fahren ab und ist unter Umständen sogar gefährlich.

Geteilter Meinung kann man sein, wenn es um die Federung/Dämpfung des ELBY geht. Wie heute bei Urban-Bikes fast schon üblich, fehlt eine solche vorne wie hinten. Natürlich sehen solch „cleane“ Gabeln „cool“ aus und sparen auch Gewicht, aber sie tun dies eben auf Kosten des Komforts. Die Reifen müssen alle Arbeit ohne Hilfe selbst besorgen. Voluminöse Reifen federn zwar, dämpfen aber kaum und können so nur kleine Unebenheiten wie etwa Kopfstein-Pflaster glattbügeln. Kanaldeckel und Bordsteinkanten schlagen dagegen unangenehm durch. Doppelt ärgerlich, wenn, wie beim ELBY, durch die Sitzposition ohnehin schon viel Gewicht auf den Lenkergriffen liegt. Da hilft auch die Vorbiegung der Gabel nicht viel.

Ansonsten nur Gutes. Die Fahrstabilität erinnert wieder an ein Moped, das Bike liegt, wie die Motorradfahrer sagen, satt auf dem Untergrund. Auch Radgröße und Reifenbreite ließen weit höhere Fahrtempi zu. Die Gangspreizung der Sram-Schaltung deckt von steileren Anstiegen bis zu schnellen Abfahrten einen weiten Übersetzungsbereich ab, und die Bremsen bringen das Bike jederzeit sicher zum Stehen, sind gut zu dosieren und arbeiten lautlos. Gepäcktaschen sind problemlos anzubringen und wirken sich auch bei höherem Gewicht nicht negativ auf die Fahrdynamik aus. Der empfohlene Verkaufspreis liegt bei 3299,00 €.

Kleinigkeiten

Gut die massiven Schutzbleche, nicht gut der Ständer, der beim Rangieren die linke Kurbel blockiert.

Die Lichtausbeute des Supernova-Scheinwerfers ist überragend, die Platzierung ist aus den oben angeführten Gründen jedoch nicht optimal.

Sinnvoll oder nicht – jedenfalls hat man am Scheinwerfer eine USB Buchse und kann darüber etwa sein Smartphone aufladen.

Auch gut: Die integrierten Fahrradcomputer-Funktionen, sowie etliche Erweiterungs-Optionen über Smartphone und eine „Elby-App“, z.B. mit Anzeige von Fitness-Daten.

Fazit:

Dieses E-Bike ist eine Wucht, alle primären Anforderungen sind gut oder sehr gut erfüllt. Allein rund ums rechte Lenkerende haben sich die Entwickler vergaloppiert. Da wird, was wohl als Highlight gedacht war (Licht, Controller) zur Nervenprobe für jeden Fahrradmonteur, der sich bemüht, eine gelungene Einstellung für seine Kunden zu finden. Das Bike ist fast schon zu agil für ein Pedelec 25, es würde wohl ein echtes Premium-S-Pedelec abgeben.

Ein ausgezeichnetes Verleih-Bike mit Eyecatcher-Eigenschaft. Wünschenswert wären jedoch ein etwas längerer Schnellspann-Vorbauschaft, eine andere Positionierung von Schaltern und Licht, sowie eine werkzeuglos anzupassende Sattelklemmung. Und eine echte Gabelfederung.

Kurzbewertung

Technik  + + + + Preis-Leistungs Vh     + + +

Design    + + + + + Vermiet-Eignung        + + + +

Komfort   + + + Gesamteindruck         + + + +

Maximal erreichbare Punktzahl = 5 +

Kontakt: www.elbybike.eu

Text: Werner Köstle
Bildrechte: Bild 1 bis 3: Werner Köstle, Bild 4: Robert Krämer

 

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