Es geht aufwärts in Werfenweng – und das kontinuierlich. Rund 400 Höhenmeter sind es aus dem Tal der Salzach zum kleinen Ort im Pongau in der Nähe von Salzburg. Oben angekommen, fällt der Blick sofort auf eine Gruppe von weiß-grünen BMW i3 – Elektroautos, die in Reih und Glied an der Straße geparkt sind. „Normalerweise stehen hier nicht so viele Autos herum, denn die sind meistens unterwegs weil sie so gut gebucht sind“, versichert Dr. Peter Brandauer, Bürgermeister der Gemeinde Werfenweng gut gelaunt.

Mit etwa 100 E-Fahrzeugen – darunter E-Autos, E-Fahrräder und E-Spaßmobile – für Urlaubsgäste und Einheimische ist Werfenweng Spitzenreiter in den Alpen. Und damit ist auch der Unterschied gegenüber anderen Urlaubsgebieten schnell erklärt. Werfenweng setzt konsequent auf Elektromobilität, auf Entschleunigung und auf den Urlaub vom Auto. Dahinter steht ein ausgeklügeltes Konzept, das vor mehr als 20 Jahren erdacht und dann Schritt für Schritt umgesetzt und weiterentwickelt wurde.

In der Krise steckte neue Kraft für Kreativität

1994 stand es schlecht um die Gemeinde Werfenweng. Die Gästezahlen waren im Sinkflug und immer mehr Betriebe wollten aufgrund der schlechten Aussichten aufgeben. Der Ausblick in die Zukunft war getrübt. In dieser Zeit setzten sich Vertreter des Gastgewerbes und der Kommunalpolitik zusammen und entwarfen eine Vision für die Zukunft des Tourismus und der örtlichen Lebensqualität. Heraus kamen die vier wesentlichen Ziele für die Gemeinde Werfenweng: Umweltqualität, Autofreiheit, Luft-Kurort und Volks-Kultur.

Nach zwanzig Jahren sind viele dieser Visionen Wirklichkeit geworden und in Werfenweng geht es sprichwörtlich bergauf. Die Gästezahlen haben sich steil nach oben entwickelt, neue Betriebe siedelten sich an, es gibt am Ort ein großes 4-Sterne-Plus-Hotel und die Region ist seit Jahren in aller Munde. Werfenweng ist eine Modellregion – Besucher aus vielen Ländern informieren sich über das innovative Konzept. Mit der Einführung der „samo Card“, der Gästekarte für sanfte Mobilität, hat sich die Destination international einen Namen gemacht.

Das Glück hilft dem Tüchtigen

Die treibende Kraft in diesem Prozess war und ist der Werfenwenger Bürgermeister Dr. Peter Brandauer. Ihm ist es mit persönlichem Einsatz gelungen, die verschiedenen Strömungen im Ort zu bündeln, Zweifler zu überzeugen, neue Ideen anzustoßen, öffentliche Fördermittel anzuzapfen und schließlich auch neue Investoren anzulocken.

Nachdem die Werfenwenger ihre Vision entwickelt hatten und eine Gästebefragung beauftragten, um erste Maßnahmen in die Wege zu leiten, stellte sich zufällig heraus, dass genau zu diesem Zeitpunkt das österreichische Umweltministerium auf der Suche nach einer Modellregion für innovative Mobilität war. Der Entschluss zu einer Bewerbung um die Projekt-Teilnahme war schnell gefasst. Mit organisatorischem und finanziellem Rückenwind aus Wien ließen sich die Maßnahmen schneller und effektiver umsetzen.

Fahrt im neuen BMW i3 – sichtlich ein Vergnügen

Lieber tausend kleine Schritte als eine Revolution

„Wir hatten die Idee eines veränderten Mobilitätsverhaltens in Werfenweng mit dem langfristigen Ziel eines autofreien Tourismus“, erinnert sich Brandauer an den Beginn des Projektes. Gleichzeitig war klar, dass sich das nicht von heute auf morgen umsetzen lässt. Daher entschied man sich für eine „Politik der 1.000 Schritte“, um immer wieder kleine Veränderungen möglich zu machen. Weiterhin war es den Planern stets wichtig, die rund 950 Einwohner bei der Entwicklung mitzunehmen, in die Entscheidungen zu integrieren und die neuen Leistungen für alle nutzbar zu machen. Mit dem Angebotspaket „Urlaub ohne Auto“ wurde 5 Jahre nach der ersten Vision der Startpunkt gesetzt für ein völlig neues touristisches Konzept.

„Wir haben in den ersten drei Jahren nach der Einführung unsere Übernachtungszahlen um rund 30 Prozent steigern können. Das lag auch an der Auswahl zum Mobilitäts-Modellprojekt, denn das hat uns jede Menge kostenlose Werbung gebracht“, erinnert sich Bürgermeister Dr. Brandauer. Durchschnittlich kommen auch jetzt noch pro Jahr 20 bis 30 Studiengruppen aus aller Herren Länder, um sich über das einmalige Konzept Werfenwengs zu informieren. Inzwischen sind mehr als 75% der 2.000 Gästebetten der Gemeinde Werfenweng an das Konzept der samo-Card angeschlossen. Samo steht für sanfte Mobilität, die entsprechende Karte ist die Weiterentwicklung des Urlaubs-Paketes „Urlaub ohne Auto“.

Die SAMO-Card, Eintrittskarte in den sprit-freien Urlaub
Die SAMO-Card, Eintrittskarte in den sprit-freien Urlaub

Die samo Card

Sie wird dem Gast ausgehändigt, wenn er den Zündschlüssel seines Verbrennungs-Autos für die Dauer des Aufenthalts bei der Tourismus-Information abgibt oder nachweist, dass er mit der Bahn angereist ist. Die Karte bietet kostenlose Mobilitäts-Angebote sowie andere Vergünstigungen bei den teilnehmenden Betrieben. So sind alle E-Autos, allesamt neue BMW i3 kostenlos zu nutzen, ebenso die Spaßfahrzeuge und E-Bikes, sowie klassische Bikes.

Verfügbar ist weiter die Benutzung des Shuttles und des elektrischen Ortstaxis „E-LOIS – Ihr persönlicher Chauffeur“, z.B. als Nacht-Taxi. Weitere Angebote, die die sanfte Mobilität thematisieren, sind ebenfalls enthalten, z.B. geführte Wanderungen, freier Zgang zum Badesee, im Winter die Benutzung der Loipen sowie das Ausleihen von Langlaufausrüstung oder Kutschfahrten im Schnee.

Diese Spaßmobile können von Urlaubern Besucher wie von Einheimischen genutzt werden.
Diese Spaßmobile können von Urlaubern Besucher wie von Einheimischen genutzt werden.

Einheimische sind die besten Botschafter für sanfte Mobilität

Brandauer und sein Team haben bereits zum Beginn der Planungen für die neue touristische Ausrichtung immer darauf geachtet, die Bewohner der Gemeinde bei der Entwicklung mitzunehmen. Zusätzlich war es schon zum Auftakt ein Bestandteil des Projektes, dass die Bewohner die neuen Angebote der Mobilität mit nutzen können. „Wir haben auf diese Weise eine viel höhere Akzeptanz bei den Mitbürgern und zugleich verbessern sich die Leistungen für die Bürger erheblich“. Wenn der Gast nicht direkt spürt, dass auch seine Gastgeber beim Thema „Mobilität“ anders und innovativer denken, dann wirkt sich das nach Brandauers Ansicht auf die Glaubwürdigkeit aus. Und so hat er seine Mitbürger Schritt für Schritt davon überzeugt, dass sich alternative Mobilität und der schonende Umgang mit den Ressourcen auszahlen.

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache

Werfenweng ist sicher nicht eine der größten touristischen Destinationen in Österreich oder in den Alpen. Aber so viel ist sicher: Ohne den Einstieg in die „sanfte Mobilität“ und die Schaffung völlig neuer Angebote würde es diesen Tourismusort vermutlich nicht mehr geben. Die Übernachtungszahlen haben nach einer erheblichen Delle nach unten inzwischen das Niveau aus der Zeit vor der Jahrtausendwende bereits deutlich übertroffen und lagen im vergangenen Jahr bei 290.000. Und all dies war dem nachhaltigen Tourismus- und Mobilitätskonzept zu verdanken. Bei der positiven Entwicklung der Gästezahlen liegt Werfenweng im Trend der österreichischen Ferien-Destinationen. Und geht es nach dem Willen der Macher, dann ist diese Entwicklung nicht zu Ende.

Attraktive E-Mobilität spielt sich auch im Geldbeutel ab

Auch wenn Dr. Brandauer und die Gemeinde Werfenweng mit ihrem Konzept der „Sanften Mobilität“ einen besonderen und innovativen Ansatz für touristisches Marketing wählten, so haben sie dabei die ökonomischen Aspekte nicht vergessen. „Die Angebote der samo Card rechnen sich – wir haben eine echte Wertschöpfung“, erklärt Dr. Brandauer mit berechtigtem Stolz. Das System funktioniert mit einer Übernachtungs-Umlage, alle Leistungen werden aus diesem Topf bezahlt.  Die Angebote waren von vornherein so ausgelegt und kalkuliert, dass sie schwarze Zahlen produzieren. Beispielsweise sind die Elektro-Autos am Ort durchschnitt-lich rund 25.000 Kilometer im Jahr unterwegs – so dass sich die Anschaffungskosten entsprechend rechnen.

Alois, der elektrische Gemeinde- und Shuttle-Bus
Der E-LOIS, das elektrische Gemeinde- Taxi

Leistungsangebot für die Werfenwenger verbessert sich weiter

Die Entwicklung in Werfenweng ist noch nicht abgeschlossen. Seit dem Start der samo Card vor 17 Jahren wurde das Angebot immer stärker ausgeweitet. Und angesichts der neuen Entwicklungen in den Metropolen mit umfangreichen Car-Sharing-Angeboten weiß sich Brandauer auf dem richtigen Weg. Eine neue und attraktive Zielgruppe sind für ihn beispielsweise junge Menschen aus den Städten, die gar kein Auto mehr haben: „Hier herrscht gleich eine andere Denke in den Köpfen und wir treffen mit unseren Ideen der sanften Mobilität auf einen fruchtbaren Boden. Diese Menschen gehen quasi davon aus, dass sie vor Ort eine ausreichende und clevere Mobilität vorfinden und das können wir bieten“, sagt Brandauer.

Um den Verkehr in Werfenweng weiter zu reduzieren sollen zukünftig auch Angebote für Tagestouristen entwickelt werden. Diese reisen nach Brandauers Einschätzung meist mit dem Auto an. Hier möchte er mit neuen Konzepten gegensteuern und so die Belastungen durch den Verkehr noch weiter verringern.

Alpine Pearls

Inzwischen hat das Projekt des autofreien Urlaubs mit Mobilitätsgarantie weitere Kreise gezogen. Fünfundzwanzig Alpengemeineden in sechs Alpenländern haben sich dem nachhaltigen Tourismus a la Werfenweng angeschlossen und bilden die Alpinen Perlen. Allen gemeinsam sind neben der sanften Mobilität auch die Nachhaltigkeit in allen anderen Bereichen, wobei jede Perle eigene Akzente setzt. Und folgerichtig steht Dr. Peter Brandauer diesem preisgekrönten Zusammenschluss als Präsident vor.

Die Verteilung der alpinen Perlen über das Gebiet der Alpen
Verteilung der alpinen Perlen über das Gebiet der Alpen

Autor: Alexander Görbing

Bilder: Tourismusverband Werfenweng, Bild 1 und 4:Tourismusverband Werfenweng/BethelFath

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