Manchmal, wenn wir einen Fahrbericht fertig gestellt haben, schauen wir uns andere Kritiken über das gleiche Produkt an. Aus purer Neugierde, aber auch, um mögliche sachliche Fehler oder Fehleinschätzungen notfalls zu korrigieren. Gelegentlich fördert der Blick über den eigenen Tellerrand aber auch allerlei Kurioses bis Ärgerliches zutage. Exemplarisches Beispiel, die Berichte über den Smart forfour electric drive. Hier ein paar Kostproben:

„Der Anzug beim Kickdown ist, wie wir es von Elektrofahrzeugen ja schon gewohnt sind, bemerkenswert kräftig. Trotzdem sind es aus dem Stand beim Standard-Sprint auf Tempo 100 gähnend lange 12,7 Sekunden. Der eSmart beweist auch hier, dass er eigentlich für die Innenstadt gedacht ist.“ 

Ein Stadtauto also, welche Überraschung! Aber offenbar ein Citycar mit erheblichem Manko, da es in der Tat eine halbe Ewigkeit dauert bis man so richtig hochbeschleunigt hat, um mit Schmackes durch die Tempo 30 Zone zu brettern. Was, stimmt gar nicht? Das Ding braucht nur 5 Sekunden, um auf 60 km/h zu beschleunigen? Na und, aber der Standard-Sprint auf 100 km/h – und nur auf diesen kommt es letztlich und vor allem im urbanen Stau an – dauert einfach viel zu lange…

smart
smart forfour electric drive; Exterieur: schwarz; Interieur: schwarz;Elektrischer Energieverbrauch gewichtet: 13,1 kWh/100km ; CO2-Emissionen kombiniert: 0 g/km*

Auch in einem Beitrag auf der Motorseite einer Tageszeitung über den Hyundai Ioniq Electric, der ansonsten wahre Lobeshymnen  („Dieses Auto ist der Hammer“) aussendet, kann man allerlei Bedenkenswertes zum Thema Beschleunigung lesen:

Zwar braucht der freundliche Koreaner mit dem Manga-Gesicht knappe zehn Sekunden von 0 auf 100 km/h, was aber im Betrieb rund um Großstädte nicht relevant ist. Bis Tempo 60 hält der Ioniq locker mit.“

Fragen: mit was oder wem hält der freundliche Koreaner bis Tempo 60 mit? Und wofür muss er eigentlich mithalten?

„Bis Tempo 60 hält der Ioniq locker mit“. Frage: mit wem und wozu eigentlich?
„Bis Tempo 60 hält der Ioniq locker mit“. Frage: mit wem und wozu eigentlich?

Immerhin erahne ich zumindest, was uns der Autor dieser Zeilen sagen möchte. Grundsätzlich tolles Auto, aber leider, was die Beschleunigung betrifft, eine lahme Gurke. Macht aber nichts, solange man sie ausschließlich im Speckgürtel rund um Großstädte bewegt. Kommt man aber doch mal in die Verlegenheit, in die City zu fahren, hält der Ioniq zum Glück beim üblichen Racingstart an der Ampel mit. Bei der Imponierchallenge mit dem breitbereiften, Spoiler-bestückten Jüngling von nebenan steht man wenigstens nicht von vorneherein auf verlorenem Posten. Wer bitte würde sich eine solche Blamage schon antun wollen?

O.k., das „Argument“ der miesen Standardbeschleunigung bei einem Stadtautos, dem – Zitat: bei 130 km/h ohnehin die Puste ausgeht – zündet vielleicht jetzt nicht allzu toll, aber man hat ja schließlich noch ganz andere Kaliber im Köcher, z.B. den allseits beliebten Reichweiten-Hammer. So kommen einem Redakteur in seinem Beitrag über den ausgewiesenen Smart-Citystromer mit 155 km Reichweite (o.k., mit realer Range von ca. 120 km) am Ende folgende „pfiffige“ Fragen in den (Un-)Sinn: „warum kaufen? Weil es ein relativ preiswerter Elektro-Fahrspaß ist. Warum nicht? Weil die Reichweite sehr gering ist.“ Ein anderer beschwört gar familiäre Krisen herauf, denn zur Oma schafft es der neue Forfour electric drive dann eben nicht mehr. Zumindest nicht ohne ein paar Boxenstopps“.  Richtig, denn ein Naturgesetz besagt, dass Omas in der Regel mindestens 500 Kilometer entfernt von einem Smart ed-Fahrer wohnen.

Man ist angesichts derartiger journalistischer Ergüsse versucht, dann doch mal die Frage zu stellen, warum ausgerechnet Redakteuren, die unreflektiert dem Reichweiten-Fetischismus frönen,  Platz eingeräumt wird, den immer gleichen Unsinn wiederzukäuen. Vielleicht, weil es am Ende gar keine anderen Journalisten gibt?

An dieser Stelle sei darauf verwiesen, dass über 10 Millionen Zweit- und Drittwagen in Deutschland in ihrem ganzen Autoleben nie mehr als 100 Kilometer am Stück gefahren werden. Eine Range, die ein forfour ed bei allen Verhältnissen zurücklegen kann und daher ist das Argument, warum Smart bewusst darauf verzichtet hat, in die Reichweiten-Schlacht zu ziehen, durchaus stichhaltig: wie nämlich Kundenbefragungen gezeigt haben, legen Smart-Driver im Durchschnitt täglich nur etwa 35 Kilometer zurück. Und schon höre ich die Motorjournalisten von altem Schrot und Korn aufschreien: „na und, aber die verbrennungsmotorischen Zweit-„Stehzeuge“ könnten immerhin weiter fahren, wenn sie müssten.“

Wer dann immer noch nicht kapiert hat, dass E-Autos eigentlich noch kein Thema sein können, da sie beim Standartsprint versagen und über miese Reichweiten verfügen, für den hält ein ausgewiesener eMobility-Fachmann einer großen, überregionalen Tageszeitung noch einen bisher viel zu wenig beachteten Aspekt bereit:

„…Trotzdem lässt sich die Physik nicht überlisten. Das Fahrgefühl in einem Elektrobrummer unterscheidet sich deutlich von dem eines konventionellen Autos. Der E-Motor sorgt zwar für Topwerte beim Ampelstart, bei schneller Kurvenfahrt schiebt das Übergewicht den Wagen aber schneller von der Bahn.“ 

Jetzt heißt es, ganz tapfer sein! Da sich bisher die Berichte über aus Kurven geflogenen E-Drivern noch in äußerst engen Grenzen halten, kann die bittere Wahrheit nur lauten: die E-Kisten zwingen uns, den uns alle inne wohnenden Rennfahrer zu unterdrücken. Nix mehr mit rasanten Kurvenfahrten. Was ist das aber dann für ein (e-)mobiles Leben, wenn man nur noch an der Ampel die Sau raus lassen kann, dann aber weit vor Erreichen der 100 km/h kapitulieren muss. Und am Ende wird dann auch noch frustriert um die schöne schnelle Kurve gezuckelt.

Wer also mithalten will im harten „traffic battle“, wird sich diese Schmach nicht antun. Sagen jedenfalls die kompetenten Journalisten von der Brumm-Brumm Fraktion. Und die müssen es ja schließlich wissen.

Text: Peter Grett

Bilder: Aufmacher: Auto-News.de, Bild 1:Smart, Bild 2: Hyundai

 

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Peter Grett
Peter Grett beschäftigt sich seit mehr als 20 Jahren beruflich mit allen Fragen der Elektromobilität. Nach dem Studium der Pädagogik und (Wirtschafts-)Psychologie bereits Mitte der 90er Jahre als Geschäftsführer eines E-Fahrzeug-Entwicklungsunternehmens tätig, gehört er zu den eMobility-Pionieren in Deutschland. Der Mitbegründer des Bundesverbands eMobilität blieb als Marketingleiter und Berater verschiedener Elektrofahrzeug-Unternehmen, später als Chefredakteur, freier Journalist und Autor dem Thema bis heute treu. Peter Grett ist mittlerweile ein international gefragter Experte und Referent für die Implementierung der Elektromobilität im touristischen Umfeld.

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