Den Namen Piaggio assoziiert man mit der Vespa, dem unsterblichen Kultroller, den es – endlich – in nächster Zukunft auch in einer elektrifizierten Form geben soll. Oder mit der Ape, dem so liebevoll wie hinfällig daherkommenden Transport-Dreirad, das gerade auch bei uns eine Art Renaissance erlebt, weil es klein und wendig ist und sich als Werbeträger bestens eignet. Auch die „Biene“ gibt es seit Jahren schon in einer elektrischen Variante, leider aber nur als Umbau oder in Kleinserie.
Piaggio hat eigentlich gute Chancen, auch als Hersteller von E-Bikes von Anfang an ernst genommen zu werden, denn im Unterschied zu so manchem Konkurrenten mit klangvollem Namen ist bei den Italienern auch Piaggio drin, wo Piaggio draufsteht. Die Kernkomponenten sind in Italien entwickelt und die Bikes werden auch dort montiert.

Der erste Eindruck
Die Wi-Bikes fallen auf, ob mit leichten Retro-Anklängen wie bei der Comfort-Reihe, oder dem sportlich-modernen Look der Active-Linie, immer wirken die Bikes eine Spur edler und eleganter als die der Konkurrenz, dabei durchdacht und wie aus einem Guss; bei aller Achtung vor den Bemühungen vieler OEMs, einen „fremden“ Großserien-Motor schlüssig zu integrieren, hier gelingt die Übung fast wie von selbst. Auch beim Akku, der hinter der Sattelstütze angeordnet ist wie bei Panasonic oder dem Impulse-Antrieb der Derby- Cycle Gruppe sieht es bei Piaggio einfach etwas besser aus.
Und diese unangestrengte Souveränität setzt sich fort, wenn es um die Kleinigkeiten geht, dem Schlüssel des Rahmenschlosses etwa, oder dem Deckel für das Laden onboard, den Flossengriffen und dem Sattel aus Leder – südländisches Flair á la Lancia oder Alfa Romeo.

Edle Griffe und Sattel, Schweißnähte verschliffen, Gabelschaft-Federung und sauber geführte Kabel
Edle Griffe und Sattel, Schweißnähte verschliffen, Gabelschaft-Federung und sauber geführte Kabel

Die Technik
Wichtiger als die optischen Details sind die technischen Features. In einem Markt mit mehr als 4.000 Modellen, die zum Großteil gut funktionieren, gilt es zu bestehen und dabei Besonderes zu bieten. Das Besondere hier ist die Vernetzung der Bikes. Eine Piaggio-eigene App offeriert zahlreiche Konfigurationsmodi, das Bike wird sozusagen nachträglich maßgeschneidert. Die elektronische Wegfahrsperre und die GPS-Ortung gehören da schon fast zu den Selbstverständlichkeiten.

Gates Riemen und Nu Vinci Getriebenabe
Gates Riemen und Nu Vinci Getriebenabe

 

Der Fahreindruck
Wie fährt sich nun das Comfort Plus Unisex? Hier ist dann Schluss mit dem Extra-Flair, wir betreten nun das E-Bike Mittelfeld. Der selbstentwickelte Motor entfaltet zwar genügend Kraft, kann sich aber von der Konkurrenz diesbezüglich nicht absetzen, und, was besonders auffällt, er agiert vergleichsweise laut. Bosch und Konsorten arbeiten dezenter. Die Geräuschkulisse  wäre halbwegs tolerabel, entspräche ihr eine überdurchschnittliche Leistungsentfaltung, was aber nicht der Fall ist. Befinden sich Motor und auch der Akku von Samsung mit nicht gerade reichlichen 416 Wh also eher auf Standard-Niveau, ist das Fahrwerk indes guter Standard. Hier gibt es nichts zu mäkeln. Dass der Radstand wegen der Akku-Position recht lang ausfällt, ist bekannt und auch bei anderen Marken so. Trotzdem bewahrt sich das Bike ein gutes Maß an Reaktivität,  ist weder träge noch behäbig. Das Sattelrohr hat einen recht flachen Winkel, um dem Akku Raum zu geben. Bei großen Menschen rückt dann die Sitzposition etwas weit nach hinten, da braucht es lange Arme für volle Lenkerkontrolle. Die Steuerungs-Aufgaben werden gut erledigt, Ein- und Aussetzen des Antriebs erfolgen harmonisch und ohne lästige Verzögerungen. Die Schaltung funktioniert bei diesem Modell entweder manuell oder automatisch, immer jedoch stufenlos per Nu Vinci Harmony Nabe. Den Sekundärantrieb erledigt lautlos und fettfrei ein Gates-Zahnriemen. Die Unterstützungs-Zurückhaltung, die am Berg am deutlichsten spürbar ist, lässt sich vermutlich per App-Spezialsetting weitgehend ausbügeln, das wird ein späterer und ausführlicher Fahrtest zeigen. Für den Alltagsbetrieb jedenfalls reicht es auch so. Die hydraulischen Scheibenbremsen erledigen ihre Aufgaben in souveräner Manier.

Schmuckstück mit eigenständigem Design
Schmuckstück mit eigenständigem Design

Unser Fazit
Das Wi-Bike Comfort Plus Unisex ist zum einen ein braver Begleiter im Alltag, zum Anderen aber ein wahres Schmuckstück mit pfiffigen Detail-Lösungen, und zum Dritten eine wahre Smartphone-Spielwiese. Wie sich das mit der Zielgruppen-Definition der Piaggio Macher verträgt – wer weiß. Jedenfalls bekommt man hier ein gutes Bike fürs (viele) Geld. Unser Testbike liegt bei 3.899,00 €. Die Preise für’s Piaggio-Vergnügen beginnen bei 3.399,00 €. Eleganza und Exklusivität inklusive. Man wünschte sich mehr solcher individueller und charaktervoller Produkte.

Eignet sich das Wi-Bike Comfort Plus für den touristischen Verleih?

  • Ja, wenn man hier etwas Besonderes anbieten will.
  • Die Auslegung (etwa der Unisex-Rahmen) und die Ausstattung sind mehr als solide, die Alltagstauglichkeit ist rundum gegeben.
  • Die App ermöglicht es, das Bike auf lokale Verhältnisse (City, Steigungen) voreinzustellen und so eine größtmögliche Anpassung zu erreichen.
  • Der Zahnriemenantrieb verspricht Sauberkeit und geringen Wartungsaufwand,
  • mit der stufenlosen Schaltung kommen auch Neulinge besser zurecht als mit sonstigen Schaltungen, das sorgt, mehr als man glauben mag, für positive Erlebnisse.
  • Die Gepäckträger/Taschenhalter-Einheit lädt ein zur Mitnahme einer Picknick-Ausrüstung.
  • Und das Bike ist eben ein Blickfang und transportiert nicht nur Menschen, sondern auch Botschaften.
  • Für größere Flotten bräuchte es allerdings einige entsprechende Adaptionen (etwa Speedlifter u.a.).

Kurzbewertung

Technik   + + + Preis-Leistungs Vh     + + +

Design    + + + + Vermiet-Eignung        + + + +

Komfort   + + + + Gesamteindruck         + + + +

Maximal erreichbare Punktzahl = 5 +

 

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