Elektromotorräder sind keine Spaßbremsen. Im Gegenteil: Wer einmal die beinahe lautlose Beschleunigung eines solch drehmomentstarken Bikes ausgekostet hat, ist im wahrsten Wortsinn elektrisiert. Ein Dreh am rechten Griff generiert den vollen Leistungsabruf ab Leerlauf und bedeutet kontinuierlichen Vortrieb ohne Zugkraftunterbrechung. Elektromotorräder kommen meist ohne Schaltgetriebe aus. Weshalb man Zunftgenossen mit konventionellen Motorrädern beim Ampelstart zu deren Verblüffung zügigst hinter sich lässt. Ein zusätzlicher, der Sicherheit förderlicher Faktor ist die uneingeschränkt mögliche Konzentration auf Straßenbeschaffenheit, Kurvenverlauf und das Verkehrsumfeld. Je nach Akku, Motorleistung und Temperament des Fahrers sind dabei genussreiche Tagestouren von 100 bis knapp 290 Kilometer möglich.Hinzu kommt, dass potenzielle Zwischenstopps an fotografisch wie kulinarisch verlockenden Highlights der Urlaubsregion sich zunehmend auch zum Zwischenladen anbieten. Wirtschaftliche Boni für die Vermieter der Bikes sind die vergleichsweise niedrigen Betriebskosten aufgrund des geringen Wartungsbedarfs.

Zero Motorcycles
Der Hersteller aus Kalifornien ist einer der Pioniere in Sachen Elektro-Motorräder. Mittlerweile umfasst die Palette sechs Modelle für den Straßen- und Geländeeinsatz, die schlichte, charakterisierende Buchstaben tragen: S und SR sind die reinen Straßen-Varianten, DS und DSR die Enduros, FX und FXS die Gelände- und Supermoto-Sportler. Der von Zero eigen-entwickelte Permanent-Magnetmotor leistet je nach Ausführung zwischen 11 kW / 15 PS (für Einsteiger mit dem Führerschein A1/B) und 52 kW (69 PS, Fahrerlaubnis Klasse A), die Reichweite variiert je nach Fahrstil zwischen 97 und 241 Kilometer, im Stadtverkehr sollen bis zu 359 km möglich sein. Mit einem Schnellladesystem lassen sich 95 Prozent der Batteriekapazität je nach Ausführung in mindestens 1,1 Stunden (11 kW Version) generieren, standardmäßig ist der Akku in rund elf Stunden (45 kW Variante) gefüllt. Die Zero-Preisliste beginnt bei 12.190 Euro für die FX und endet bei 22.285 Euro für die Enduro DSR mit Power-Tank-Akku-Paket.

www.zeromotorcycles.com/de/

Sportlich unterwegs mit der Zero DSR
Sportlich unterwegs mit der Zero DSR

 

Energica Motor Company S.p.A.
Aus der 2014 gegründeten italienischen Elektro-Motorrad-Schmiede Energica kommen drei Modelle, die auf den ersten Blick wie klassische Bikes mit Verbrennungsmotor anmuten: „Ego“, „Eva“ und die für 2018 neue „Eva EsseEsse9“. Die „Ego“ tritt in Gestalt eines Superbikes mit einer Carbon-Vollverkleidung, einer einstellbaren Upside-Down-Gabel und einer über ein Mono-Federbein abgestützten Aluschwinge auf. Weitere Zutaten sind eine Brembo-Bremsanlage sowie Pirelli Diablo Rosso-Reifen auf 17-Zoll-Felgen. Der ölgekühlte Permanentmagnet-Motor sitzt in einem Stahlrohr-Rahmen und generiert 200 Newtonmeter, die das Motorrad in rund drei Sekunden auf 100 km/h beschleunigen, der Top Speed wird bei 240 km/h abgeregelt. Exklusiv-Features sind die elektronische Aktivierung von vier Fahr- und vier Rekuperations-Modi, ein digitales Info-Display, eine Bluetooth-Smartphone-Connection und ein Park-Assistent als Rangierhilfe.
Die „Eva“ rollt als Naked-Bike-Version der „Ego“ an, bei der sich die Instrumente hinter einem kleinen Windschild ducken und der Fahrer entspannt am breiteren Lenker thront. Die Eva ist in den Farbkombinationen Titan Grey oder Lunar White, als EsseEsse9 in Lunar White, Shocking Blue sowie Metal Black und als EsseEsse9 Special in Metal Black mit gelbem Seitencover lieferbar. Die Preisliste beginnt bei 21.600 Euro.

www.energicamotor.com

Energica Eva, klassische Erscheinung ohne akustische „Nebenwirkung“
Energica Eva, klassische Erscheinung ohne akustische „Nebenwirkung“

 

KTM Sportmotorcycle GmbH
Mit der österreichischen Kultmarke KTM mischt seit dem vergangenen Jahr auch ein etablierter Hersteller von konventionellen Motorrädern auf dem Markt der großen Elektro-Zweiräder mit. 2017  hatte die 1934 in Mattighofen gegründete Zweirad-Manufaktur aus ihrer Palette der primär für den Geländeeinsatz konzipierten Freeride-Modelle mit der Supermoto-Version „E-SM“ eine reine Straßen-Ausführung vorgestellt. Sie wurde mangels Nachfrage aus dem Programm genommen. Stattdessen hat KTM für das aktuelle Modelljahr die ebenfalls zulassungs- und Führerschein A1-taugliche Offroad-Variante „E-XC“ überarbeitet, die nun mit breiterem Lenker, verstärkter Gabelbrücke, neuem Kombi-Instrument und einem frisch gestylten Bodywork daherkommt. Das je nach persönlichem Temperament mit drei unterschiedlichen Leistungsmodi fahrbare Elektro-Triebwerk ist in einem oben offenen Stahl-Aluminium-Verbundrahmen installiert, der vorne eine Upside-Down-Gabel und hinten ein mehrfach einstellbares Mono-Federbein trägt. Der „PowerPack“ genannte Akku – zum Modelljahr 2018 noch einmal in Sachen Leistung um 50 Prozent gesteigert und auf effizientere Rekuperation optimiert – lässt sich mit wenigen Handgriffen austauschen und kann mit einem externen Ladegerät an jede 230 Volt-Steckdose angeschlossen werden. Er passt problemlos auch in die älteren Modelle ab 2014. Eine Ladung soll für rund 1,5 Stunden Fahrspaß reichen. Zwei Akkus und das Ladegerät sind im Kaufpreis der neuen KTM Freeride E-XC enthalten. Für reine Crosser gibt es die „nackte“, nicht zulassungsfähige E-SX.

www.ktm.com

KTM E-XC abseits befestigter Pfade

KTM E-XC abseits befestigter Pfade

 

Johammer e-mobility GmbH
Was auf den ersten Blick so wirkt wie die optische Kreuzung zwischen einem Riesen-Insekt und einem seiner Front beraubten Maico-Mobil der 1950er-Jahre, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als ein hoch innovatives Elektro-Motorrad. Das wurde vom österreichischen Konstrukteur Johann Hammerschmid – zugleich Namensgeber der in Bad Leonfelden beheimateten Marke –   mit ausgefeilten Technikfeatures und Komponenten auf die Räder gestellt. Augenfällig ist dabei zuvorderst die Zweiarmschwinge mit der Achsschenkel-Lenkung des Vorderrades. Unter der aerodynamischen Karosse steckt ein auf extreme Torsionssteifigkeit getrimmter Rahmen, der das Feder-/Dämpferpaket sowie den Akku-Pack ebenso platzsparend wie schwerpunktgünstig aufnimmt. Elektromotor und Regler wurden ins Hinterrad integriert. Der somit kompakt bauende Johammer J1 ist in zwei Varianten mit unterschiedlicher Batteriestärke lieferbar: Im Basismodell J1.150 (22.900 Euro) sorgt ein 8,3 kWh starker Akku für 150 Kilometer Reichweite, der J1.200 soll mit 12,7 kWh etwa 200 km schaffen. Die von Johammer selbst entwickelten Batterien sind auf lange Lebensdauer ausgelegt und werden am Ende ihres Zyklus vom Hersteller zur Weiterverwertung zurückgenommen.

www.johammer.com

Insektenkönigin im Anflug, die Johamer J 1 garantiert für jede Menge „Wendehälse“
Insektenkönigin im Anflug, die Johammer J 1 garantiert für jede Menge „Wendehälse“

 

Fahrzeugmanufaktur Gulas UG
Ein Motorrad, bei dem man in die Pedale treten muss? Auch das gibt es. Und zwar in Gestalt der zunächst etwas exzentrisch und gleichzeitig klassisch wirkenden Gulas Pi 1. Szene-Kenner werden das Bike mit dem geschwungenen Zentralrohr-Rahmen, dem Fahrrad-Lenker und -Sattel als das ehemalige eRockit identifizieren, was nicht verwundert: Der Konstrukteur und Hersteller ist mit Stefan Gulas derselbe, nur firmiert sein Konzept in Berlin mittlerweile unter eigenem Namen. Geblieben ist die bewährte Technik: Der Antrieb sowie die Steuerung erfolgt primär über die Pedale, die Muskelkraft wird über einen Generator mit Schwungscheibe potenziert, elektronisch geregelt in die Batterie eingespeist, die wiederum einen Elektromotor versorgt, der die Kraft über einen Riemen ans Hinterrad leitet. Den gewohnten Gasgriff sucht der Motorradfahrer vergeblich. Dennoch überrascht bereits das Basismodell Gulas Pi 1 mit einer Beschleunigung von etwa 4,5 Sekunden auf Tempo 50 und einer Höchstgeschwindigkeit von 90 km/h, die es zulassungsrechtlich als Leichtkraftrad für den Führerschein A1 einstuft. Verzögert wird das 128 kg schwere Gefährt über je eine Scheibe im Vorder- und Hinterrad. Gulas bietet zwei Versionen mit unterschiedlicher Batteriestärke an: Das Basismodell mit 6,5 kWh und 100 bis 150 km Reichweite kostet ab 23.401 Euro (inkl. MwSt.), die „S“-Variante mit 10 kWh ist in der Datentabelle beschrieben.

www.gulas.bike

Gulas Pi 1, „dahinradeln“ mit 90 km/h, auch das sorgt für Aufmerksamkeit
Gulas Pi 1, „dahinradeln“ mit 90 km/h, auch das sorgt für Aufmerksamkeit

 

BMW AG
Aus dem Rahmen der großen Elektro-Zweiräder fällt der „C evolution“ von BMW: Der Maxi-Scooter gehört eher in die Riege der großen Bikes als der kleinen Roller, erfordert er aufgrund seiner maximalen Leistung von 35 kW (48 PS) doch den Motorrad-Führerschein A bzw. den alten „1er“. Vier Fahrmodi decken die Bereiche dynamisch-sportlich bis ökonomisch ab. Im Schubbetrieb und beim Bremsen wird automatisch rekuperiert. Neben dem Basismodell, das mit einer Dauerleistung von 11 kW / 15 PS für 13.950 Euro angeboten wird, gibt es die Variante „Long Range“ (siehe Datentabelle), die eine um 8 kW höhere Leistung sowie 60 Kilometer mehr Reichweite bietet.

Der Scooter lehnt sich nicht nur stilistisch an den BMW Elektro-Pkw i3 an, sondern hat von diesem auch die Technologie der luftgekühlten Lithium-Ionen-Hochvoltbatterie übernommen, die mit einer Kapazität von 8 kWh aufwartet. Der Elektromotor ist ähnlich einem konventionellen Roller als Triebsatz in der Hinterradschwinge integriert, die Kraftübertragung erfolgt in diesem Falle via eines Zahnriemens sowie einem Hohlradgetriebe. Fahrwerkstechnisch wartet der „C evolution“ mit einer zeitgemäßen Upside-Down-Gabel vorne und einem siebenfach einstellbaren Mono-Federbein auf, ABS und Traktionskontrolle sind die serienmäßigen Sicherheitsfeatures.

www.bmw-motorrad.de

 Der „König“ der Elektroroller: BMW C evolution

Der „König“ der Elektroroller: BMW C evolution

Text: Egbert Schwartz/Werner Köstle

Bilder:Aufmacher: Zero Motorcycles, Bild 1: Zero Motorcycles, Bild 2: Energica, Bild 3: KTM, Bild 4: Johamer, Bild 5: Gulas, Bild 6: BMW AG

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