Als Vorreiter der Elektromobilität hatte sich Volvo mit seinem überdurchschnittlichen Dieselanteil im gehobenen Fahrzeugsegment nicht gerade hervorgetan. Umso erstaunlicher, als dann die schwedische Traditionsmarke, in chinesischen Besitz übergegangen, verkündete, ab 2019 keine reinen Verbrennungsantriebe mehr zu verbauen. Und nicht genug damit, künftig die komplette Flotte unter Strom setzen zu wollen, gab man auch noch bekannt, eine neue elektrifizierte Premiummarke namens Polestar an den Start zu bringen.

Plug-in SUV – nur grüne Feigenblätter?
Eigentlich ist es müßig darüber zu sinnieren, ob Plug-in Hybride nun eine Mogelpackung, ein Feigenblatt für Greenwasher, eine Übergangslösung oder doch eine sinnvolle Alternative zu Dieseln und Benzinern sind. Fakt ist jedenfalls, dass die offiziellen Herstellerangaben über Verbrauch und CO2-Emissionen gerade auch bei den Teilzeitstromern rein theoretischer Natur sind. Um es höflich auszudrücken. Dies gilt erst recht dann, wenn die aufladbaren Elektrokomponenten in einen knapp fünf Meter langen SUV der zweieinhalb-Tonnen-Liga verbaut sind. Der für den XC 90 T8 angegebene Normverbrauch von etwas über zwei Liter auf 100 Kilometer und die Fabelwerte von 49 g/km CO2-Emissionen gehören freilich nicht allein deshalb ins Reich der Phantasie, weil überdurchschnittlich große Massen bewegt werden müssen, sondern es ist vor allem auch das zu erwartende Nutzerverhalten der Besitzer, welche die theoretisch so glanzvollen Werte in der Praxis deutlich relativieren. Denn wer wird sich schon einen hochpreisigen Großraumwagen zulegen, um damit vornehmlich elektrisch durch städtische Schluchten zu cruisen? Dafür bräuchte es fürwahr keine 400 PS (320 + 87 vom E-Antrieb) unter der Haube. Für diejenigen bzw. die wenigen, die jedoch tatsächlich und täglich Zugang zu Ladestationen haben, diese auch fleißig nutzen und sich beim Drücken des Gaspedals zurückhalten, dürfte ein Verbrauch von sechs bis acht Litern durchaus zu erzielen sein. Laut Hersteller soll man – je nach Jahreszeit und Fahrverhalten – zwischen 30 und 40 Kilometer rein elektrisch zurücklegen können. Und das sind bzw. wären dann in der Tat durchaus beachtliche Werte in dieser Fahrzeugklasse.

Fest steht jedenfalls, dass auch teilelektrifizierte große SUV kein Ausbund an Effizienz sind und keineswegs zum Greencar mutieren können. Dennoch stellen sie für diejenigen, die es gerne etwas mächtiger haben möchten, eine interessante Alternative zu konventionell angetriebenen Fahrzeugen dar. Erst recht in Zeiten von „Dieselgate“. Und ganz besonders, wenn sich bietende Gelegenheiten zum Stromtanken konsequent genutzt werden.

Was auch immer große Plug-in Hybride sein mögen, ihr Marktanteil dürfte sich jedenfalls innerhalb des prosperierenden SUV-Segmentes deutlich erhöhen. Es lohnt daher, sich näher mit dieser Kategorie zu beschäftigen. Noch dazu, als gerade auch Hotelbetreiber/-Manager, die in ihren Häusern bereits Ladestationen installiert haben, verstärkt über die Anschaffung von (teil-)elektrischen Betriebsfahrzeugen nachdenken. Dies belegt auch unsere Studie zum Hotel Charging, die wir im Auftrag von GP Joule erstellt haben und welche demnächst hier veröffentlicht wird.

Klare Linien, edle Anmutung
Vergleichstests sind nicht unsere Sache, aber wir werden uns in loser Folge einen Eindruck vom einen oder anderen Plug-in SUV machen. Auf den XC 90 T8 fiel besonders deshalb unsere erste Wahl, da das schwedische Flaggschiff nach einem Dutzend Jahren endlich in neuem Gewand aufgelegt worden war. Und nicht nur was die Optik betrifft, setzt sich der Neue deutlich von seinem in die Jahre gekommenen Vorgänger ab. Doch bleiben wir zunächst bei seinen äußeren Werten. Trotz seiner gewaltigen Abmessungen (L/B/H 4,95/2,01/1,78 m) wirkt das „Mordsgerät“ mit seiner schnörkellosen Linienführung ohne die heute übliche Sickenflut beinahe schon elegant.

Elegante Erscheinung trotz mächtiger Ausmaße
Elegante Erscheinung trotz mächtiger Ausmaße

Auch im geräumigen Innenraum kann der große Schwede mit klarem skandinavischem Design punkten. Apropos klar: der Schalthebel in Glasoptik setzt hier einen besonderen Akzent. Zum aufgeräumten Eindruck trägt auch das schlichte Armaturenboard bei. Manche Bedienfunktionen etwa für Klima oder Navi sind nämlich inzwischen über einen intuitiv zu bedienenden 12,3-Zoll-Touchscreen zu bedienen, so dass sich die Zahl der Knöpfe und Tasten auf ein Mindestmaß reduzieren ließ. Der üppige Bildschirm mutet nicht nur wie ein Tablet-Computer an, er lässt sich ebenso einfach bedienen.

 Über das große Display lassen sich zahlreiche Funktionen steuern
Über das große Display lassen sich zahlreiche Funktionen steuern

Insgesamt vermittelt das edle Interieur, je nach Ausstattung mit Leder und ansprechenden Holzeinlagen, einen wertigen Eindruck. Was auch erwartet werden darf angesichts eines Preises der bei knapp 77 000 Euro beginnt. Zwar ruft Volvo für den Wohlfühleffekt im Inneren ein hübsches Sümmchen auf, was aber durchaus in Relation zur gebotenen Gegenleistung steht, zumal sich das Vergnügen nicht auf ein angenehmes Raumgefühl beschränkt.

Komfortables Powerpacket
Womit wir zu unseren „Er-fahrungen“ kommen. Im XC 90 T 8 arbeiten zwei Motoren unabhängig voneinander, vorne der Verbrenner, an der Hinterachse der Elektroantrieb, der von einer Batterie gespeist wird, die sich im Mitteltunnel versteckt. Bewegt man sich im Normal-, d.h. dem Hybrid-Modus, wird das in der jeweiligen Fahrsituation optimale Zusammenspiel beider Antriebskomponenten elektronisch geregelt, dabei stets um einen möglichst hohen Elektroanteil bemüht. Weitere wählbare Fahrmodi erlauben es, sich über diesen Automatismus hinweg zu setzen und beispielsweise rein elektrisch dahin zu gleiten oder nur den Verbrenner arbeiten zu lassen. Im reinen Elektro-Modus ließen sich, zumindest unter unseren Testbedingungen bei angenehmen Temperaturen und nicht allzu forscher Fahrweise 30-40 Kilometer zurücklegen.

Egal, wie sich der Powermix jeweils aktuell auf die Maschinen verteilt, das Schwergewicht entwickelt ordentlich Dampf, ohne dabei aber auf Krawall gebürstet zu sein. Kurzum, die Kraftentfaltung ist im Bedarfsfall beachtlich, verführt aber nicht zu dem, was manche Möchtegern-Racer unter sportlicher Fahrweise verstehen. Die Achtgang-Automatik schaltet geschmeidig, das Fahrverhalten ist souverän. Auch in Kurven. Und dies trotz des den Akkus geschuldeten Mehrgewichts von 300 Kilo.

 Ladeplatz satt: 1816 Liter Volumen und 2040 cm Länge bei umgeklappter 2. u. 3. Sitzreihe
Ladeplatz satt: 1816 Liter Volumen und 2040 cm Länge bei umgeklappter 2. u. 3. Sitzreihe

Fazit:
Der mächtige XC 90 T8 Plug-in Hybrid von Volvo ist eine ausgezeichnete Wahl für Menschen, die jenseits des – teilweise protzigen – SUV-Mainstreams ein Großraumgefährt suchen, das sich durch Sachlichkeit, modernes, klares Design, feine Verarbeitung und eine gewisse Individualität auszeichnet. Das besondere Gefühl von Sicherheit wird dabei – Volvo-typisch – mitgeliefert. Die überzeugende Fahrkultur und der hohe Komfort des großen Schweden tragen zum guten Gesamteindruck bei, dürfen aber in dieser Fahrzeug- und Preisklasse auch erwartet werden.

Brancheneignung:
Ein Hotelier, der entweder Zuhause, am Arbeitsplatz oder idealer Weise an beiden Stellen über eine Lademöglichkeit verfügt, dabei nicht deutlich mehr als etwa 50 Kilometer einfach pendelt, wird es schaffen, sich vorwiegend elektrisch fortzubewegen. Und wenn dann auch noch öfters bis zu vier (+2 kleine) Mitmenschen an Bord sind oder der Wagen benutzt wird, um größere Einkäufe zu bewältigen, dann wird der Teilzeitstromer zwar immer noch nicht zum Öko-Musterknaben, aber immerhin zu einer empfehlenswerten Option. In seiner Fahrzeugklasse allemal. Und das auch für Betriebe, die sich der Nachhaltigkeit verschrieben haben.

Text: Peter Grett
Bilder: Aufmacher, Bild 1 und 3: Egbert Schwartz, Bild 2: Volvo

 

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Peter Grett
Peter Grett beschäftigt sich seit mehr als 20 Jahren beruflich mit allen Fragen der Elektromobilität. Nach dem Studium der Pädagogik und (Wirtschafts-)Psychologie bereits Mitte der 90er Jahre als Geschäftsführer eines E-Fahrzeug-Entwicklungsunternehmens tätig, gehört er zu den eMobility-Pionieren in Deutschland. Der Mitbegründer des Bundesverbands eMobilität blieb als Marketingleiter und Berater verschiedener Elektrofahrzeug-Unternehmen, später als Chefredakteur, freier Journalist und Autor dem Thema bis heute treu. Peter Grett ist mittlerweile ein international gefragter Experte und Referent für die Implementierung der Elektromobilität im touristischen Umfeld.

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