Wachküsser gesucht – E-Mobilität auf dem Campingplatz noch im Dornröschenschlaf? – Serie

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Eigentlich würden Campingplätze gute Voraussetzungen zur Implementierung elektromobiler Angebote bieten, ist dort doch die Energie für das Laden von Fahrzeugen prinzipiell bereits vorhanden. Dennoch sind Campingplätze noch weitgehend e-mobile Wüsten mit vereinzelten Oasen. Höchste Zeit, dies zu ändern. TEIL 1

Campingplätze verfügen über eine gute Energie-Infrastruktur. Seit jeher werden dort Akkus geladen, wenn auch keine Traktionsbatterien. Da es am Markt noch keine elektrischen Reisemobile und nur wenige E-Autos gibt, die einen Trailer ziehen könnten, liegt der Fokus bei Campingplätzen kurzfristig noch auf der E-Mobilität vor Ort. In Form von Ladeangeboten, Mietofferten von elektrischen Fahrzeugen und der Elektrifizierung des betriebseigenen Fuhrparks. Mehr als vereinzelte Aktivitäten von engagierten „First Movern“ gibt es bisher indes nicht. Dabei wären hier gute Voraussetzungen für die E-Mobilität gegeben. Zudem besteht gerade in diesem Umfeld ein erheblicher Bedarf an lärm- und abgasreduzierter Mobilität.

E-mobil auf Reise

Laut Martin Zöllner, dem Leiter Touristische Services Camping beim ADAC liegt nach einer Umfrage seines Hauses der durchschnittlich zurückgelegte Weg einer Camping-Tour bei ca. 1.350 Kilometer. Diese Distanz elektrisch bewältigen zu wollen, übersteigt in aller Regel das Zeitbudget und die Geduld der Reisenden. Daran wird sich kurzfristig auch nichts ändern — mittelfristig aber schon.

Da es noch keine elektrischen Wohnmobile gibt, bleibt derzeit nur die Lösung, einen Wohnanhänger an einen Tesla Model X zu hängen und damit loszuziehen. Dieses Fahrzeug ist nämlich derzeit das einzige batterieelektrische Auto, welches dafür  freigegeben ist und über genügend Kraft verfügt.

Begnügt man sich damit, auf Elektrokraft nur am Urlaubsort zurückzugreifen, ist der Mitsubishi Outlander Plug-In (PHEV), eine gute und die Finanzmittel schonende Art der „zügigen“ Fortbewegung. Die Niederländer wissen das, im Musterland der Caravanisten wird der Outlander überwiegend in der Plug-In Variante verkauft. Auch der Golf GTE sowie der Passat GTE gehören zu den insgesamt noch wenigen Plug-In Hybridautos, für die eine Kupplung samt entsprechender Zuglast zugelassen ist, Das Angebot an „Zugtier-Hybriden“ wird jedoch in nächster Zeit deutlich anwachsen.

Begnügt man sich bei Wohnmobilen mit einer Nummer kleiner, wird die Angebots-Lage schon etwas vielfältiger, bleibt aber insgesamt noch überschaubar.

Ikone der Mini-Caravans ist der Nissan eNV 200. Er soll bald europaweit angeboten werden. Für den eNV, aber ebenfalls für die Elektrovarianten der Minivans von Renault, Peugeot und Citroën gibt es diverse Umbau-Spezialisten, von denen die Firma Zoom die wohl bekannteste ist. Recht bekannt ist der Nissan auch als eNV Stadtindianer, in England als Dalbury Hillside Leisure.

2017 stellte Dethleffs auf dem Düsseldorfer Caravan-Salon die Studie eines batterieelektrisch angetriebenen Wohnmobils namens e.home auf Basis des Iveco Daily vor, rundum beplankt mit Dünnschicht-Solarzellen. 2018 war dann der e.home coco zu sehen, der es in sich hat und laut Dethleffs GF Alexander Leopold das Zeug zum Game-Changer in Sachen E-Camping aufweist. Dieser smarte Caravan integriert eine Bosch-Antriebsachse, einen  eigenen Akku und eine innovative Zugentlastungseinheit. Der Clou dabei: Durch diesen Trick reduziert der Caravan die Anhängelast und ermöglicht es, auch mit kleineren E-Autos auf Reisen zu gehen. Vorausgesetzt natürlich, es gäbe kleinere Stromer mit Kupplung und die Zulassung des Caravans wäre geregelt.

Blick in die Zukunft des Campens: Studie Dethleffs Reisemobil e-Home

Der Mercedes Benz Sprinter H2 wurde kürzlich als Studie präsentiert. Wohl um zu veranschaulichen, dass mit der Energieversorgung über Wasserstoff auch längere Fahrstrecken problemlos elektrisch zu überwinden sind, wurde er im Gewand eines Reisemobils vorgestellt. Es ist durchaus wahrscheinlich, dass er zeitnah tatsächlich als Camper kommen wird.

Bei Serien-Wohnanhängern fokussiert sich die Branche derzeit darauf, möglichst leichte Anhänger für E-Mobile zu entwickeln. So wiegt der Vierschläfer-Caravan Travelino von Knaus-Tabbert nicht mehr als 650 Kilogramm. Andere werden Knaus-Tabbert folgen, aber mit einer bloßen Gewichtsreduktion kann es auf Dauer nicht getan sein.

Studie von Mercedes-Benz eines E-Reisemobils auf Basis des Sprinters mit H2-Energiespeicher

Dieser Ausblick verdeutlicht, dass gerade für Campingplätze die Weichen heute schon gestellt sind und sie in spätestens zwei oder drei Jahren einem enormen Innovationsdruck ausgesetzt sein werden.

 

E-Mobilität vor Ort

Laut Wolfgang Pfrommer, dem Geschäftsführer der Initiative „ECOCAMPING“, in der über 200 ökologisch orientierte Campingunternehmen in Europa organisiert sind, besteht der größte „Leidensdruck“ der Campingplatzbetreiber im ständigen Kommen und Gehen der Gäste während ihres Aufenthalts, also in der Mobilität vor Ort. Kurztrips und Besorgungsfahrten stellen, besonders wenn über die Diesel-betriebenen Reisemobile und Zugfahrzeuge selbst abgewickelt, eine ziemliche Lärm- sowie Geruchs-Belastung bzw. -Belästigung dar.

Gerade das spezifische Umfeld mit der engzelligen, aber offenen Parzellenstruktur, verstärkt das Störpotenzial und kann die Urlaubsstimmung nachhaltig trüben.

Derartige Belastungen könnten erheblich gesenkt werden, stünden den Gästen alternativ elektrische Leihfahrzeuge zur Verfügung, vom Pedelec über Roller und Leichtmobile im Stile des Renault Twizy bis zu „echten“ Elektroautos mit ihrem hohen Erlebnispotenzial. Der italienische Jesolo International Club Camping etwa verleiht bereits zeitweise einen Tesla Model X bzw. bietet einen Mitfahrdienst mit dem Premium-Stromer an. Noch sind solche Angebote nicht nur in Italien eine seltene Ausnahme, auch im deutschsprachigen Raum müssen sie mit der Lupe gesucht werden. Immerhin, es gibt bereits vereinzelte Vorreiter wie etwa den Kurgutshof Camping Arterhof im bayrischen Bad Birnbach, der seinen Gästen seit kurzem einen BMW i 3 zur Ausleihe anbietet. Im Bereich E-Bike ist man schon etwas weiter, bei etlichen Campingplätzen vor allem in bergigen Gegenden können E-Bikes ausgeliehen werden und manche bieten auch Lademöglichkeiten für E-Bikes an. Diese bestehen jedoch häufig nur aus einer Steckdose oder einem ausleihbaren CEE-Schuko-Adapter für den Stellplatz-Stromanschluss.

Beispiel eines Kompakt E-Bikes, das speziell auch für den Einsatz im Urlaub entwickelt wurde

E-Fahrzeuge könnten zentral an der Ausgabestelle geladen werden, wobei dort auch gleich externe Gäste mit mittelschnellen Chargern (11 bis 22 kW) versorgt werden könnten, was nebenbei auch zu einer Beruhigung des platzinternen Verkehrs beitragen würde.

 

E-Fahrzeug-Verleih

E-Bikes

Camper führen meist eigene Fahrräder oder E-Bikes mit sich. Manche Caravan- bzw. Bikehersteller bieten extra Bike-Modelle in der Kompaktklasse für diesen Einsatz an, die in der Garage nicht viel Platz belegen und auch auf herkömmlichen Heckträgern gut transportiert werden können.

Verleihbikes müssten sich von den hauptsächlich mitgebrachten City-Tiefeinsteigern und Trekkingrädern klar unterscheiden und etwas Besonderes bieten. Zudem sollten sie den jeweiligen Gegebenheiten entsprechen, also berg- oder strandtauglich sein oder  zum gemütlichen Flanieren einladen. Das leisten z.B. E-Mountainbikes, E-Fatbikes oder E-Cruiser.

E-Transporträder sind nicht nur nützlich und besonders dazu geeignet, kurze Autofahrten, z.B. für Einkäufe, zu substituieren, sondern vermitteln – die richtigen Modelle vorausgesetzt – auch Fahrerlebnisse ganz besonderer Art. Gerade solche Bikes werden in der Regel nicht vom Camper selbst mitgebracht.

Fahraktive Lasten-E-Bikes sind prädestinierte Verleihfahrzeuge

E-Roller

Diese bilden das Anforderungsprofil insbesondere für stadtnahe Campingplätze sehr gut ab. Sie sind leise, einfach zu bedienen, und bieten erhöhten Sicherheitsstandard und Transportkapazität sowie die Möglichkeit, einen Sozius mitzunehmen. Mit ihrer Höchstgeschwindigkeit von meist 45 km/h, inzwischen oft auch mehr, vermitteln sie jede Menge Spaß und könnten etliche Pkw Fahrten ersetzen, nicht zuletzt, da sie die Suche nach teuren Parkplätzen in der Stadt ersparen. Der Insel-Camp Fehmarn bietet bereits zwei E-Roller zum Ausleihen für die Erkundung der Umgebung an.

E-Leichtfahrzeuge

Wie bei den Rollern gelten die gleichen Argumente auch für die Leichtfahrzeuge, von denen es in absehbarer Zeit eine größere Auswahl geben wird. Viele „Twizy-Fighter“ stehen schon in den Startlöchern und die bereits existenten werden bald leichter zu beziehen sein, weil sich die Vertriebsstruktur der Hersteller dynamisch weiterentwickelt.

Elektroautos

Unserer Ansicht nach eigenen sich vor allem Stadt-Autos für den Verleih, denn sie benötigen wenig Parkraum, haben einen hohen Nutzwert und die Wertschöpfung bleibt wegen der vergleichsweise geringen Reichweite (100 Kilomter plus) in der Region.

Für die Vermittlung besonderer Erlebnisse, und damit der Schaffung eines genuinen

USP, eignen sich v.a. die Tesla Modelle S, X und 3, sowie der Citroën e-Mehari, ein trendiger Strandbuggy mit uneingeschränkter Alltagstauglichkeit, der sogar eine Zuglast-Zulassung besitzt. Auch zeichnet sich derzeit der Trend ab, Old- und Yougtimer in E-Fahrzeuge zu konvertieren. Ein solches Fahr-Erlebnis bieten zu können ist oft der Schlüssel, um neue Kundengruppen zu erschließen.

Betriebliche Mobilität

Sollen e-mobile Gästeangebote ökologisch glaubwürdig sein, muss nachhaltige  Mobilität auch vom Anbieter selbst „gelebt“ werden. Dazu eignet sich etwa die Anschaffung eines E-Autos als Dienstfahrzeug, das evtl. auch den Mitarbeitern für Fahrten zum Arbeitsplatz zur Verfügung stehen könnte. Dabei empfiehlt es sich, diese bei der Auswahl des geeigneten Modells einzubeziehen.

Über die Möglichkeit, Mitarbeitern steuerlich vergünstigt den Einstieg in die Elektro-Mobilität zu vermitteln, vom Dienst-Pedelec bis zum Auto, berichten wir regelmäßig  in eigenen Beiträgen.

   Lasten-E-Bikes bieten ein universelles Einsatzspektrum

Es kommen bereits verbreitet kleine elektrische Pritschenwagen (Club-Cars) zur Anwendung, u.a. für die Entsorgung von Müll. Insofern können Campingplätze sogar auf eine gewisse e-mobile „Tradition“ verweisen. Der Einsatz von Lastenpedelecs bietet sich ebenfalls für derartige Zwecke an. Diese können aufgrund ihrer Variabilität für mehrere Aufgaben eingesetzt werden. Es spricht also vieles für ein Lasten-E-Bike Multitasking.

 

Obgleich in der D-A-CH-Region bisher nur in Österreich und der Schweiz für den öffentlichen Verkehr zugelassen – in D befindet sich der Amtsschimmelreiter  inzwischen immerhin auf der Zielgeraden – , erfreuen sich E-Kickboards immer größerer Beliebtheit. Man muss kein Prophet sein, um vorhersagen zu können, dass auch das Personal der Campingplätze diese coolen Kleinstmobile bald für sich entdecken wird, um damit auf der Anlage flott und emissionsfrei unterwegs zu sein.

 

Spezielle Ladeeinrichtungen für  E-Fahrzeuge

Nach chargemap.com liegt der Anteil von öffentlich zugänglichen Ladeanlagen, die sich an oder in Campingplätzen befinden, bei gerade einmal 0,2 Prozent des Gesamtbestands, gegenüber etwa 7,6 Prozent bei Hotels, bei ganz ähnlichen Rahmenbedingungen. Es gibt also reichlich Luft nach oben.

Indes sprechen auch Marketing-Aspekte für die Einrichtung einer speziellen Lade-Infrastruktur. Durch keine andere Maßnahme wird der ökologische Anspruch des Betriebs nämlich sichtbarer dokumentiert als durch Wallboxen und Ladesäulen.

Zuletzt wird es auch darum gehen, Neukunden anzulocken, indem Lade-Nachfragern, die keine Camping-Gäste sind, die eigenen e-mobilen Angebote vermittelt werden, vom Laden bis zum Roller-Verleih. Das kann aber nur geschehen, wenn der Campingplatz in Ladeverzeichnissen gelistet wird. Voraussetzung, um in Suchmaschinen verzeichnet zu werden, ist jedoch das Vorhandensein spezieller Lade-Einrichtungen wie Boxen oder Ladesäulen.

 

Im nächsten Beitrag werden wir eine Pionierin des elektromobilen Campens ausführlich zu Wort kommen lassen, bevor wir uns in weiteren Beiträgen Detailfragen und geeigneten Produkten zuwenden.

Text: Peter Grett

Bilder: Aufmacher: X 1 Bike,  Bild 1: Dethleffs, Bild 2: Mercedes-Benz, Bild 3: Prophete, Bild 4: chike GmbH & Co. KG, Bilder 5 und 6: XCYC/GWW GmbH

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Peter Grett
Peter Grett beschäftigt sich seit mehr als 20 Jahren beruflich mit allen Fragen der Elektromobilität. Nach dem Studium der Pädagogik und (Wirtschafts-)Psychologie bereits Mitte der 90er Jahre als Geschäftsführer eines E-Fahrzeug-Entwicklungsunternehmens tätig, gehört er zu den eMobility-Pionieren in Deutschland. Der Mitbegründer des Bundesverbands eMobilität blieb als Marketingleiter und Berater verschiedener Elektrofahrzeug-Unternehmen, später als Chefredakteur, freier Journalist und Autor dem Thema bis heute treu. Peter Grett ist mittlerweile ein international gefragter Experte und Referent für die Implementierung der Elektromobilität im touristischen Umfeld.

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