BMW Active Hybrid E-Bike – Vorwärtsdrang mit Eleganz

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BMW ist eine starke Marke mit einem starken Claim: „aus Freude am Fahren“! Wenn BMW ein E-Bike auf den Markt bringt, muss es dieses Versprechen auch einlösen und sich zudem vom Mainstream abheben. Mission accomplished?

Schon das BMW E-Bike der ersten Generation mit dem Namen Cruise hat bezüglich Design wie Produktqualität durchaus Marken gesetzt. Die neue Auflage stand vor der Herausforderung, das Gute zu erhalten und dabei noch spürbar zu verbessern. Dieses City-Lifestyle-Bike wurde von BMW in Kooperation mit Brose, Marquard und Specialized entwickelt, gefertigt wird es vom spanischen Traditionshersteller BH-Bikes.

Der in Berlin gefertigte Brose Motor ist mit 90 Newtonmetern etwas stärker als das bis 2017 eingesetzte Pendant von Bosch, dabei geringfügig leichter und kleiner – vor allem aber: leiser. Er ist derzeit eines der am geräuschärmsten agierenden Aggregate am Markt. Zudem regelt er sanft ein und aus und stellt über 25 km/h dem Treten keinen Widerstand entgegen.

Augen-Schein

Die wichtigste Anforderung an das neue Bike war erklärtermaßen das Erscheinungs-bild. Es soll in gewisser Weise radikal wirken, zumindest außergewöhnlich, und dabei doch seriös und Vertrauen erweckend — BMW-typisch eben.

Den Spagat bewältigte Evgueni Maslov, Herr des Active Hybrid Designs und Mastermind der BMW-Tochter Designworks auf kluge Weise. Der Rahmen mit dem typischen Bullneck, dem „Buckel“ im Oberrohr, soll ein Bild von Dynamik und Präsenz vermitteln. Wie ein sich duckender Stier vor dem Angriff.  Um diesen optischen Eindruck noch zu verstärken, umschlingt das Ober- das Steuerrohr wie eine Bandage, oder, um im Bild zu bleiben, wie ein Paket angespannter Nackenmuskeln. Das Übrige dazu tun die tief ansetzenden und ebenfalls „geknickten“ Sitzstreben sowie die polygonalen Rohrquerschnitte des hydrogeformten Aluminium-Rahmens.

Die Monocoque-artige Steuerkopfpartie mit Buckelansatz im Oberrohr

Die Solidität wird über die Lackierung und das Oberflächen-Finish ausgedrückt. Der urbane Charakter wird über die Farbkombination „Frozen Black/Arctic Silver“ zum Ausdruck gebracht, die keilförmig sich abwechselnden Farbflächen tragen zur optischen Verschlankung des Rahmens bei.

Dies alles auf hoher Integrationsstufe, die elektrischen Komponenten sind dem unbefangenen Blick im Unterrohr entzogen. Das Bike hält sich vornehm zurück, wenn es um seinen Status als E-Bike geht, und pflegt überdies einen offen zur Schau gestellten Minimalismus. Es entsteht ein sehr „aufgeräumter“ Eindruck.

Die Unterordnung z.B. von Gesichtspunkten der Praktikabilität unter das Primat der Gestaltung muss man sich vergegenwärtigen, wenn das Bike verstanden werden soll. Es macht schlicht keinen Sinn, an diesem Bike ein zentrales Display zu erwarten oder einen Gepäckträger. Es handelt es sich eben um einen zweirädrigen Roadster, puristisch bis ins Detail. Das drücken auch der gerade, nur leicht nach oben gekröpfte Downhill-Lenker und die eng anliegenden Schutzbleche aus.

Das Design wirkt insgesamt sehr „urban“

 

Fahren

Genau das bestätigt sich beim Biken. Es herrscht eine gewisse Kompromisslosigkeit, aufgefangen nur durch den Einsatz einer konventionellen Suntour Federgabel, die im Übrigen sehr ordentlich arbeitet, und Flossengriffen.

Aber irgendwie vermisst man schon eine aero-optimierte Karbongabel, Freaks würden sich womöglich sogar eine Achsschenkel-Lenkung wünschen – geschenkt. Doch eines bleibt bei allen notwendigen Kompromissen: das Bike ist eine Fahr-Maschine für die Straße (und für leichtes Gelände), zum gemütlichen Flanieren animiert es eher nicht.

Erstaunlicherweise ist das Komfort-Niveau dabei recht hoch, das Bike ist zielgenau, aber nicht ruppig, direkt in der Rückmeldung, dabei doch eher sanft – insgesamt ein wirklich gelungener Kompromiss. Die Ergonomie vermittelt trotz einer eher gestreckt-sportlichen Sitzposition ein unverkrampftes Fahrgefühl, nur der montierte Sattel von Selle Royal, ein Rennsattel, schränkt die Langstreckentauglichkeit mit seiner schmalen Nase und der harten Sitzfläche etwas ein. Als Option gibt es, ebenfalls von Selle Royal, ein speziell für die Anforderungen sportlicher E-Bikes entwickeltes Modell namens „eZone“, das den Steiß bei Start und Bergauffahrt zusätzlich abstützt und für die Pobacken weicher und anpassungsfähiger gestaltet ist. Dieser Sattel kostet bei BMW knapp 90 Euro.

 

Komponenten

Der Akku beinhaltet 504 Wattstunden, damit sind auch bei hügeliger Topographie und schneller Fahrt mit Stufe zwei oder drei (von drei) bis zu 100 Kilometer möglich.

Das Ladegerät hat uns etwas verblüfft, über 80% SOC brachten wir es nicht zum Laden. Ergonomische Einschränkungen gibt es bei der Entnahme des abschließbaren Akkus bzw. dann, wenn man ihn in eingebautem Zustand laden will. Das versenkte Schloss ebenso wie die Ladebuchse befindet sich in direkter Nachbarschaft zum Tretlager, was heißt, dass ggf. tiefes Bücken und ein ordentliches Gefummel mit den Gummikappen angesagt ist.

Bücken wie beim Erdbeer-Pflücken
Der Städer ist bisweilen im Weg

Über die Shimano Schaltung und Bremsen muss man nicht groß sprechen, sie sind aus dem Premium Großserien-Regal und funktionieren ohne Fehl und Tadel.

Das LED-Rücklicht, beim Cruise noch unter dem Sattel angebracht, ist in das Schutzblech gewandert und nun Teil der verschriebenen Integration, das gefällt. Auch der Busch & Müller Scheinwerfer kann überzeugen, sinnvoll sind auch die Beleuchtungsfunktionen Tagfahrlicht und sensorgesteuertes automatisches Ein- und Ausschalten.

Insgesamt wiegt das Bike soeben noch smarte 22,7 Kilogramm und kann zu seinem Eigengewicht noch 110 Kilogramm befördern. Der Ständer ist nach Altväter-Sitte zentral angebracht, so dass er beim Rangieren der Tretkurbel ins Gehege kommt, hier hätte man erwartet, dass er an der Kettenstrebe weiter hinten montiert wäre. Aber immerhin, es gibt einen Ständer.

Mit dem kleinen Satelliten-Display mit Mini-Joystick kamen wir gut zurecht, auch was das Durchschalten durch das Menü anging. Dabei gefiel uns die Anzeige der eingebrachten muskulären Kraft ganz besonders; uns überraschte, wieviel wir selbst investierten, denn gemerkt hätten wir das nicht. An diesem Detail wird deutlich, dass Pedelecs eben doch keine reinen Kraftschon-Geräte sind.

Die Bedienung des Steuerstifts mit Handschuhen könnte indes etwas schwierig werden, aber wer fährt schon ein BMW E-Bike im Winter?

Fast schon Standard sind die Konnektivitäts-Funktionen. So kann man sein Smartphone bei Bedarf über einen Micro-USB Anschluss aufladen und das Bike, so man denn will, auch über dieses per Bluetooth steuern.

Überzeugte: das Mini-Display mit Joystick von Marquard
Der schmale Sattel mit seiner langen Nase hingegen weniger

 

Fazit

BMW hat sich als Aufgabe gestellt, Sportlichkeit und Alltagstauglichkeit in einer funktionalen Synthese im feinen Kleid zu vereinen, und das bei einem Bike der Mittelklasse, was den Kaufpreis anbelangt, der von BMW mit 3.400 Euro angegeben wird. Im BMW Online-Shop und dem Vertriebspartner Emotion Technologies ist es mit 3.300 Euro ausgezeichnet.

Das ist gelungen, und zwar auf eine bemerkenswerte Weise. Das Rahmendesign steht für den kompromisslosen Vorwärtsdrang, die edle Farb- und Oberflächengestaltung sowie die Integration der Hauptkomponenten für Eleganz, die Komponenten und Anbauteile sorgen für Alltagstauglichkeit und Zuverlässigkeit. Zusammen ergibt sich eine ausgewogene Harmonie in Aussehen und Fahrerlebnis.

Das Bike ist in drei Rahmengrößen erhältlich.

Zu bemängeln war bei unseren beiden Testexemplaren nur die Montagequalität, ein Ständer verhakte sich an der Kettenstrebe, die Schellen der Griffe waren verdreht und der Motor bei einem Bike funktionierte erst richtig, nachdem wir den Signalgeber des Sensors akkurat montiert hatten.

 

Eignung für den Verleih

Das Bike eignet sich für den Verleih, aber es ist nicht als solches konzipiert. Der Ständer und jede fehlende Möglichkeit zum Unterbringen von Gepäck schränken die Verleih-Tauglichkeit etwas ein. Hotels, speziell im urbanen Umfeld, die ihren Gästen und/oder Mitarbeitern bereits einen i3 zur Verfügung stellen, könnten mit dem Active Hybrid ihr E-Portfolio abrunden und damit ein (voll-) wertiges BMW-Marken-Zeichen setzen.

https://shop.bmw.de/bmw-de/de_DE/bmw-lifestyle/sport/bikes/

Text: Werner Köstle

Bilder: Aufmacher, Bilder 1,2,4,5,7: Werner Köstle, Bilder 3 und 6: Anett Tobies

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Werner Köstle
Werner Köstle lebt in München. Nach dem Studium der Philosophie absolvierte er eine Management-Ausbildung und arbeitete als wissenschaftlicher Assistent an der TU München. Im Jahr 2000 übernahm er die technische Leitung eines Unternehmens zur Entwicklung elektrischer Leichtfahrzeuge für den professionellen Einsatz. Danach tätig als freier Redakteur und Berater. Als Mitbegründer der Agentur ist er seit 2014 bei Touremo als verantwortlicher Redakteur und eMobility-Berater.

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