IONICA -Zell am See Podiumsdiskussion: Ist die E-Mobilität Segen oder Fluch für den Tourismus?

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Ist E-Mobilität die Zukunft für Tourismusregionen oder handelt es sich um einen Fluch, der viele gewachsene Strukturen bedroht und zum Scheitern bringt? Diese Frage diskutierten Tourismus- und eMobility-Experten am 12. Dezember in der Wirtschaftskammer Zell am See.

Der Untertitel „Fluch oder Segen“ ließ nur auf den ersten Blick eine kontroverse Diskussion erwarten. So dachte ich als Teilnehmer der Runde im Vorfeld durchaus angestrengt darüber nach, worin denn eigentlich die Nachteile e-mobiler Gäste-Angebote in Tourismusregionen liegen könnten. Um es gleich vorweg zu nehmen, allzu viele Einwände waren nicht zu vernehmen. Sieht man davon ab, dass e-Mobilität, wie alle Innovationen, mit hergebrachten Gewohnheiten kollidieren und es oft großer Energie und Überzeugungskraft bedarf, das Neue – in diesem Fall den touristischen Akteuren – näher zu bringen und schmackhaft zu machen. So gesehen mögen engagierte eMobilisten das Beharren auf der hergebrachten verbrennungsmotorischen Individualmobilität durchaus als Fluch empfinden.

Das Podium von links nach rechts: Bernhard Robotka, Moderator; Kurt Sigl, Präsident Bundesverband Elektromobilität (BEM) Deutschland; Walter Steiger, Geschäftsführer Ecodrive Fuhrparkmanagement; Peter Grett, Touremo Medien- und Beratungsagentur; Mag. Renate Eckert, Tourismusdirektorin Zell am See – Kaprun; Peter Padourek, Bürgermeister Zell am See. Bild: Caption: Studio Kopfsache

Renate Ecker, Tourismusdirektorin der Region Zell am See-Kaprun, warf folgerichtig die Frage auf, welche Strategien denn eingeschlagen werden könnten, um etwa Hoteliers und Gastronomen von den Chancen zu überzeugen, die in e-mobilen Gästeangeboten stecken. Wobei sie selbst eigentlich die schlüssigste Antwort gleich selbst lieferte, indem sie darlegte, insbesondere in persönlichen Gesprächen gerade auf nicht e-mobilen Veranstaltungen Überzeugungsarbeit zu leisten. Man muss die Menschen also dort abholen, wo sie ohnehin bzw. noch sind – örtlich wie auch von ihrem jeweiligen Informationsstand her.

Kurt Sigl, Präsident des Bundesverbands eMobilität (BEM) in Deutschland ergänzte dazu, dass es durchaus zielführend sein könne, lokale und praxisnahe Informations-Veranstaltungen anzubieten, um ein Forum für den Austausch zwischen überzeugten E-Drivern und potentiellen, aber noch skeptischen E-Mobilisten zu bieten. Als Beispiel nannte er die ausgesprochen erfolgreiche, monatlich stattfindende Veranstaltungsreihe des BEM in Kooperation mit dem Energieunternehmen Lechwerke, den „eClub der Mehr- Wissen-Woller“.

Einen weiteren Aspekt zum Thema „Fluch“ brachte ebenfalls Frau Ecker ins Spiel, als sie zurecht drauf verwies, dass jeglicher Individualverkehr, auch der elektrische, einen Belastungsfaktor für eine Urlaubsdestination darstellt. Schwerpunkt eines künftigen Mobilitätskonzeptes müsse also sein, durch intermodale Ansätze und attraktive Angebote samt entsprechender Werbung für die Nutzung von Bussen und Bahnen Individualverkehre zu reduzieren. In diesem Kontext kündigte die Tourismuschefin für die nächste Sommersaison eine eigene Mobilitätskarte für Touristen an, mit der Gäste etwa Regionalbahnen und Postbusse kostenlos nutzen können. Vom ersten Moment ihrer Ankunft an, nämlich für „die letzte Meile“, dem Weg zur Unterkunft.

Was sonst noch auf der Agenda von Tourismuszentrale und Gemeinde steht: weiterer Ausbau der öffentlichen Ladeinfrastruktur für E-Bikes und E-Autos an geeigneten Stellen, Werben für e-mobile Aktivitäten und Gästeangebote bei Hoteliers und Gastronomen, Entwicklung eines Gutscheinsystems mit Hotelpartnern, Aufbau eines Shuttle-Services (später auch elektrisch) speziell im Winter zu den Liftanlagen und  eCarsharing-Angebote am Bahnhof im Zuge dessen Umbaus. Durchaus ambitionierte Pläne also, die nicht zuletzt durch die IONICA einen erheblichen Impuls erfahren haben, wie Bürgermeister Peter Padurek betonte.

Er verwies zugleich darauf, dass es keine Patentrezepte gebe und man sich in einem permanenten Lernprozess befinde. Dass der Bürgermeister die E-Mobilität nicht nur als dringend geboten erachtet – Kurt Sigl: „es ist bereits 5 nach 12, wenn nicht schon 10 vor eins“ -, sondern ihm auch eine Herzensangelegenheit ist, wurde deutlich, als er auf Anstrengungen verwies, verstärkt auch die einheimische Bevölkerung einbeziehen zu wollen. Ein ganzheitlicher Ansatz, bei dem es auf die Verzahnung der verschiedenen Verkehrsträger und die Abstimmung der Angebote für Gäste und Einwohner ankommt.

Erstaunlich: ausgerechnet engagierte Akteure aus Österreich orientieren sich gerne an Deutschland und fragen nach, wie die e-mobilen Angelegenheiten denn im vermeintlich vorbildlichen Nachbarland geregelt werden und vorankommen. Dazu klärte Sigl nicht zum ersten Mal über die in Deutschland herrschende Kultur des „Reichsbedenkenträgertums“ auf, die u.a. dazu führt, dass elektrische Kleinstfahrzeuge – im Gegensatz zu den meisten europäischen Ländern – bis heute nicht für den öffentlichen Verkehr zugelassen sind. Und, wenn es im nächsten Jahr dann nach jahrelangen behördlichen Diskussionen so weit sein wird, mit gesetzlichen Vorgaben, die wohl nur deutschen Amtsschimmeln in den Sinn kommen dürften.

Dass man nicht aufgeben sollte bei seinen Anstrengungen für die Verkehrswende, machte der Jungunternehmer Walter Steiger deutlich. Als er vor Jahren schon die Idee für eine e-mobile Unternehmensgründung hatte, erntete er bestenfalls Kopfschütteln in seinem Freundes- und Bekanntenkreis. Doch ließ er sich von spöttischen Bemerkungen nicht entmutigen und baute seine Firma EcoDrive, die ein intelligentes eFuhrparkmanagement für Unternehmen anbietet, Zug um Zug auf. Übrigens gehören auch Hoteliers inzwischen zu seinen Kunden.

Auf den Diskussionsbeitrag des Autors dieser Zeilen soll hier nicht näher eingegangen werden, kommt er doch in verschiedenen publizierten Beiträgen und Kommentaren u.a. hier im Touremo-Magazin zum Ausdruck.

Hinweis: die Podiumsdiskussion wurde vom IONICA-Team gefilmt und wird wohl demnächst öffentlich zugänglich sein.

Text: Peter Grett

Bilder: Aufmacher: IONICA, Textbild: Caption: Studio Kopfsache

www.ionica.energy

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Peter Grett
Peter Grett beschäftigt sich seit mehr als 20 Jahren beruflich mit allen Fragen der Elektromobilität. Nach dem Studium der Pädagogik und (Wirtschafts-)Psychologie bereits Mitte der 90er Jahre als Geschäftsführer eines E-Fahrzeug-Entwicklungsunternehmens tätig, gehört er zu den eMobility-Pionieren in Deutschland. Der Mitbegründer des Bundesverbands eMobilität blieb als Marketingleiter und Berater verschiedener Elektrofahrzeug-Unternehmen, später als Chefredakteur, freier Journalist und Autor dem Thema bis heute treu. Peter Grett ist mittlerweile ein international gefragter Experte und Referent für die Implementierung der Elektromobilität im touristischen Umfeld.

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