Lasst uns Ladesäulchen pflanzen! Und dann?

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Das Clustermanagement Tourismus der Tourismus-Marketing Brandenburg GmbH (TMB) lud zu einer Veranstaltung am 14.11. mit dem Titel „Alle reden über Elektromobilität. Sollten wir auch was tun?“ nach Michendorf bei Potsdam ein.

Zu diesem Event lassen sich nur lobende Worte finden: Gasthof Linde, eine sich an Nachhaltigkeitskriterien orientierende, stilvolle Location mit Lademöglichkeiten am Parkplatz, attraktives Programm, gute Organisation, angenehme Atmosphäre und interessierte Teilnehmer. Obgleich das Themenspektrum relativ breit gefächert war, lag der Schwerpunkt doch auf den Bereich Ladeinfrastruktur. Was schließlich auch nachvollziehbar ist, denn ohne eine ausreichende Anzahl an Chargern keine Verbreitung der E-Mobilität. So die gängige Logik, der man grundsätzlich nicht widersprechen mag. Andererseits regte sich in mir doch auch ein gewisses Unbehagen, da mich irgendwie das Gefühl beschlich, manch eine(r) könnte die komplexe Angelegenheit auf den einen Aspekt verengen und zu der Meinung gelangen, dass sich die E-Mobilität in touristischen Destinationen gleichsam von alleine entwickelt, wenn denn nur kräftig in Ladetechnik investiert würde. Dies inspirierte mich zu folgendem Kommentar:

Es gibt viele Gründe, warum die Elektromobilität bisher noch nicht so recht in Fahrt gekommen ist. Besonders gerne genannt: die Reichweite der E-Kutschen ist einfach zu gering. Wenn die erst mal alle mindestens 500 Kilometer weit kommen, dann bricht der Boom los. Ganz bestimmt.

Vorschlag: bevor es irgendwann einmal soweit ist – wir reden schließlich seit Jahrzehnten nicht umsonst von Zukunftsmobilität – könnten wir doch schon mal die Millionen konventioneller Zweit-Fahr- bzw. Steh-Zeuge, die in ihrem ganzen Leben nie mehr als 100 Kilometer am Stück zurücklegen, durch Stromer ersetzen. Halt, geht ja auch nicht, weil die immer noch viel zu teuer sind. Schließlich kann sich nicht jeder einen Tesla leisten. Ganz viele müssen sich nämlich mit einem mickrigen SUV begnügen…Und andere, „normale“ E-Autos, gibt es die überhaupt? Und wenn doch, wann amortisieren sie sich dann?

Außerdem sind E-Fahrzeuge mindestens so dreckig wie die angefeindeten Diesel. Wegen der vielen Kohle im deutschen Strom-Mix. Öffentliche Ladestellen mit Ökostrom, E-Driver mit Grünstrom-Vertrag oder Solaranlage auf dem Hausdach? Rare Exoten. Sagen zumindest viele Politiker und Journalisten. Deutschland tankt Strom-Mix. Punkt. Könnten solche Experten irren oder gar wissentlich Unsinn verzapfen? Andere ihnen gar unreflektiert nachplappern oder von ihnen abschreiben? Undenkbar. Schließlich existieren doch zahlreiche Studien, die belegen, dass E-Driver in der Praxis überwiegend mit Schmutzstrom  fahren. Was, die gibt es gar nicht? Auch egal.

Und dann sind da noch andere Gründe, warum sich bisher nicht schon mehr als die gerade mal knapp 100 Tausend First Mover, Idealisten oder Grünlinge in Deutschland elektrisch fortbewegen. In Autos wohlgemerkt, denn E-Bikes haben es inzwischen ja vom Rentnervehikel zum imageträchtigen Lifestyle-Produkt geschafft. Grund zu Optimismus? Vielleicht, wenn man die richtigen Schlüsse aus diesem eZweirad-Boom zieht, besser: ziehen würde. Dazu später im Text.

Bevor wir zum einsamen Spitzenreiter im Ranking der beliebtesten Argumente kommen, die – vermeintlich bis real – gegen eine dynamischere eMobilisierung sprechen, noch zwei  „Hidden Champions“ unter den Gründen, die freilich in der Diskussion kaum eine Rolle spielen. Zum Beispiel das Thema Autohaus. Noch vor ein paar Jahren wurde beinahe jedem, der/die mit der festen Absicht, ein E-Auto zu erwerben, einen Autohändler aufsuchte, vom Verkäufer nach spätestens zwei Minuten ein ähnliches, verbrennungsmotorisches Modell schmackhaft gemacht. Euphemistisch formuliert. Anders ausgedrückt, der Stromer wurde einem massiv ausgeredet.

Es bedurfte schon einer gehörigen Portion Selbstbewusstsein und Sturheit, sich gegen den geballten Widerstand, des, wie sich zudem oft herausstellte, in Sachen „E“ oft komplett ahnungslosen, Personals durchzusetzen. Zu gering waren anfangs die Margen von Händlern und Verkäufern, deren Verdienst stark von Verkaufsprovisionen abhängen. Insofern war deren Obstruktionstaktik durchaus verständlich. Und heute? Hat sich nicht nur die Marge gebessert, jedoch sind engagierte und sachkundige E-Seller noch immer nicht die Regel. Wenigstens muss man inzwischen nicht mehr gleichsam mit gezückter Waffe darauf hinwirken, einen Stromer ausgehändigt zu bekommen. Zumal dies meist auch nichts nützen würde. Womit wir beim nächsten, gerne ausgeblendeten, Hindernis kommen. So es sich nicht gerade um ein gehyptes Kultobjekt wie das Model 3 von Tesla handelt, wirken Lieferzeiten von teilweise einem Jahr auf potentielle Käufer nicht gerade motivierend. Interessenten, gerade an Modellen mit attraktivem Preis-/Leistungsverhältnis wie etwa dem vollelektrischen Hyundai IONIC oder den Stromern von Smart, wird eine Menge Geduld abverlangt. Immerhin reagieren einige Hersteller inzwischen auf die – angeblich – unverhoffte Nachfrage und erhöhen ihre Produktionskapazitäten. Zur Wahrheit gehört indes auch, dass mit E-Autos bisher kein oder höchstens ein geringer Gewinn erwirtschaftet werden konnte und es somit gar nicht im Herstellerinteresse lag, deutlich mehr als die fürs cleane Image und die Erreichung der Flotten-Emmisionsgrenzwerte nötigen Stückzahlen zu realisieren. Wenn man bedenkt, dass bereits jeder dritte PKW deutscher Hersteller auf dem chinesischen Markt mit seinen staatlich verordneten E-Quoten verkauft wird, kann man sich leicht ausmalen, dass die Zeiten defensiven E-Engagements der OEMs schon bald vorbei sein werden. Die angekündigten Großinvestitionen von VW künden jedenfalls schon von der begonnenen Zeitenwende. Dann müssen die vielen neuen Stromer „nur“ noch verkauft werden…

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Womit wir nun endgültig beim Nr.1-Hit im Ranking der beliebtesten Anti-E-Argumente wären: die mangelhafte Ladeinfrastruktur. Verfolgt man die öffentliche und politische Diskussion, könnte der Eindruck entstehen, ein engmaschiges Netz von öffentlichen Ladepunkten würde beinahe automatisch zur e-mobilen Verkehrswende beitragen. Und so wird reichlich staatliches Geld in den Aufbau der Ladeinfrastruktur investiert, was gut und längst überfällig ist. Noch besser wäre es jedoch, sich gleichzeitig Gedanken zu machen, wie die Charging-Möglichkeiten dort, wo E-Driver vorzugsweise Laden (würden), nämlich zuhause oder am Arbeitsplatz verbessert werden könnten. Entsprechende Initiativen etwa zur Modifizierung des Baurechts sind zwar auf dem Wege, aber noch nicht realisiert. Wer in manchen Gegenden vergeblich nach Ladepunkten Ausschau hält, die wenigen vorhandenen besetzt, oft auch – seit Monaten – defekt vorfindet oder zum angesteuerten Charger keine Zugangsberechtigung hat, wird seinen Ärger darüber meist nicht für sich behalten, sondern auch kundtun. Der Akzeptanzentwicklung von E-Mobilität nicht gerade zuträglich. Daneben stellt sich die Frage, was für das E-Image schlechter ist, die Unzufriedenheit von E-Autofahrern oder Ladesäulen an denen so gut wie nie ein Fahrzeug „betankt“ wird. Etwa weil ein Verbrenner den Zugang versperrt oder es in der Region kaum E-Autos gibt und die wenigen zuhause geladen werden. Alles kein Problem, denn wenn erst genügend Charger vorhanden sein werden, ziehen auch die EV-Verkäufe mächtig an. Die einst verwaisten Ladestellen werden dann stark frequentiert sein und nicht mehr länger als Ausdruck von Symbolpolitik oder gar Geldverschwendung wahrgenommen. Wirklich? Nur weil Umfragen zeigen, dass viele Menschen die mangelnde Ladeinfrastruktur als eine der Hauptgründe nennen, warum sie (noch) nicht daran denken, sich einen Stromer zuzulegen? Mit Verlaub, Leute fabulieren viel, wenn sie nach Sachverhalten gefragt werden, die für sie nur hypothetischen Charakter besitzen und wenig bis nichts mit tatsächlich anstehenden Entscheidungen zu tun haben. Kostet ja nichts, man kann ja etwa auch bekunden, umweltfreundlich zu sein. Um dann dem billigsten Stück Qual-Fleisch mit dem SUV hinterherzujagen. Schließlich muss die Kohle für zwei Fernreisen im Jahr ja irgendwo erwirtschaftet werden…

Notabene:

Wie wäre es, der Staat und die Marketingabteilungen der Autohersteller würden mal daran denken, statt allein in sicht- und präsentierbare Hardware auch in Kreativität und praxisnahe Anwendungen zu investieren? Schließlich geht die Zeit doch langsam zu Ende, in der jede Ladesäule noch von Landräten und Bürgermeistern mit Blaskapellenbegleitung eingeweiht wurde. Die entsprechenden Fotos sind im Kasten, jetzt könnte man sich eigentlich daran machen, Förderprogramme auflegen, die wirklich zur Akzeptanzentwicklung und Implementierung der E-Mobilität beitragen. Und neben Fernsehspots und Hochglanz-Broschüren  auch Gelegenheiten kreieren, bei denen Menschen – jenseits von Alltagsstress und „Händlerdruck“ – die Faszination von E-Mobilität erleben, d.h. ganz im wörtlichen erfahren können.

Sie ahnen es, gefragt sind innovative, e-mobile Tourismusprojekte, der Ausbau von „diskriminierungsfreier“ Ladeinfrastruktur in der Hotellerie, intermodale Konzepte zur Verknüpfung der verschiedenen Verkehrsträger, attraktive Mietangebote von E-Fahrzeugen in Urlaubsdestinationen und, und, und. Daneben auch Lademöglichkeiten. Das eine wird ohne das andere nicht funktionieren.

Wir behaupten: nur wenn es gelingt, Menschen, am besten im Urlaub, wo sie aufgeschlossen sind Neues zu probieren und dafür auch Zeit haben, zu animieren, sich auf oder in Stromer aller Art zu setzen, werden wir es schaffen, sie emotional zu berühren. Und wie die Erfahrung zeigt, in den meisten Fällen sogar zu begeistern. Und weil Fahrzeugkauf nicht nur von Kopfentscheidungen und objektiven Vernunftgründen bestimmt wird – wie anders ließen sich sonst SUVs im Stadtverkehr erklären – gilt es, vor allem mit dem Pfund zu wuchern, das die Stromer zu bieten haben. Fahrvergnügen, geprägt von rasanter Beschleunigung und lautlosem, kontemplativem Dahingleiten. Auch, wenn es sich noch nicht bei allen herumgesprochen hat, die Vermittlung von Fahrerlebnissen ist die zentrale Voraussetzung für die Akzeptanzsteigerung der E-Mobilität! Wer am eigenen Leib die besondere Qualität des „E-Drivens“ er-fahren hat, für den werden sich zwar nicht alle e-mobilen Gegenargumente in Luft auflösen, aber zumindest an Bedeutung verlieren.

Beweis gefällig? Noch vor wenigen Jahren galten E-Bikes als Rentnervehikel, als Hilfsgeräte für Faule und Gehandicapte. Inzwischen sind sie mancherorts bereits zum hippen Symbol urbanen Lifestyles junger Menschen geworden. Dafür gibt es neben den stetig weiter verbesserten Produkten einen Hauptgrund, nämlich touristische Mietangebote. Neugierig geworden und fern der Heimat und damit den evtl. spöttischen Kommentaren von Bekannten entzogen, ließen sich mit der Zeit immer mehr skeptische Urlauber doch zu einem „E-Ride“ hinreißen. Und kamen mit dem bekannten „E-Bike-Smile“ im Gesicht zurück. Derart beeindruckt, wagten sie sogar, anderen begeistert von ihrem „Abenteuer“ zu berichten. Kaum etwas trug mehr zum Imagewandel, zur Akzeptanz und damit der Erfolgsgeschichte dieser Produktgruppe bei, wie die Summe solcher Urlaubserlebnisse.

Was spricht also dagegen, dass wir diese Sukzess-Story wiederholen? Mit E-Scootern, -Rollern oder E-Autos. E-mobile Gästeangebote – von der Ladestation im Hotel bis zum Miet-EV – sind ein wesentlicher Treiber der E-Mobilität. Zudem einer, von dem ihrerseits die Tourismus- und Hospitality-Branche profitiert.

Mit einem noch so ambitionierten Installationsprogramm von Ladepunkten allein werden wir die E-Wende jedenfalls nicht schaffen.

Text und Bild: Peter Grett

 

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Peter Grett
Peter Grett beschäftigt sich seit mehr als 20 Jahren beruflich mit allen Fragen der Elektromobilität. Nach dem Studium der Pädagogik und (Wirtschafts-)Psychologie bereits Mitte der 90er Jahre als Geschäftsführer eines E-Fahrzeug-Entwicklungsunternehmens tätig, gehört er zu den eMobility-Pionieren in Deutschland. Der Mitbegründer des Bundesverbands eMobilität blieb als Marketingleiter und Berater verschiedener Elektrofahrzeug-Unternehmen, später als Chefredakteur, freier Journalist und Autor dem Thema bis heute treu. Peter Grett ist mittlerweile ein international gefragter Experte und Referent für die Implementierung der Elektromobilität im touristischen Umfeld.

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