Ein Flirt mit Cleopatra

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EGO Movement bereichert den Markt mit ausnehmend schönen E-Bikes im klassischen Stil der fünfziger Jahre, mit cremefarbenen Reifen, ledernen Sätteln und Griffen – und ausgefallenen Namen. Die Schweizer haben damit Erfolg, so dass die Macher die Produktpalette kontinuierlich erweitern.

Wir hatten die Gelegenheit, die Kernprodukte Cleopatra und Cäsar ausführlich im Alltag zu bewegen. Hier der Bericht zur Damen bzw. Unisex-Version Cleopatra.

Ein E-Bike aus der Schweiz ist so etwas wie ein Versprechen. Ein Mangel an Qualität gilt beinahe als Landesverrat. Und die Schweizer mit dem chinesischen Antrieb sind wahrlich keine Verräter. Davon konnten wir uns ausgiebig überzeugen.

 

Anmutung

Die Silhouette ist schmal und eher gestreckt, der Lenker ausladend und zum Fahrer hin gekröpft, der Scheinwerfer thront in mattsilbernem Old-School Finish über dem eng anliegenden, in Rahmenfarbe lackierten Alu-Schutzblech. Dazu eine halbradiale Rennradspeichung, die Farbe der schmalen 700 C Reifen, die Lackierung sowie Sattel und Griffe aus braunem Leder-Imitat mit Ziernähten- und Nieten; das sind die Zutaten eines echten Augenschmauses. Vollendet durch die Vollintegration des Akkus in das dennoch relativ schlanke Unterrohr. Das Bike fällt auf, und es gefällt. Man möchte als Fahrer bisweilen durchaus zum feineren Zwirn greifen, um dagegen nicht allzusehr abzufallen.

 

Komponenten

Gute Qualität, wohin man blickt! Die Auswahl der Anbauteile ist geschickt gemacht. Die Kriterien Optik, Zuverlässigkeit und Komfort sind ausgewogen im Verhältnis zu Gewichtsersparnis und Preisniveau.

Über die Tektro Auriga Scheibenbremsen mit hydraulischer Betätigung über die RST Monoshock Federgabel, die Gewicht spart und mit der Formensprache des Bikes harmoniert, über die Shimano Deore Schaltung mit zehn Gängen bis hin zur Beleuchtung, die nicht überragend, aber gut ist und sich automatisch bei Dämmerung einschaltet. Alles ist für die Preisklasse unter 3.000 Euro als sehr hochwertig einzustufen. Auch die Hintergrundbeleuchtung des eher grobschlächtigen Bafang-Displays und eine Art Bremslichtfunktion, bei der das Rücklicht heller leuchtet, wenn die Geschwindigkeit reduziert wird, können gefallen. Über die Ledergriffe kann man geteilter Meinung sein, mit Textilhandschuhen im Winter rutscht man bisweilen über den Griff, aber gut sehen sie schon aus.

Praktisch sind die Anbringung von Seitenständer, er kommt beim Rangieren der Tretkurbel nicht ins Gehege und die ergonomisch günstige Positionierung des Akkuschlosses; bei manchem Mitbewerber heißt es da sich tief zu bücken. A Pro Pos Akkuintegration, das Entnehmen wie das Einsetzen gelingen kinderleicht.

Fahreindruck

Bequemlichkeit, Stabilität und Lautlosigkeit sind die Kernkompetenzen dieses Bikes.

Die Entscheidung des Herstellers für den chinesischen Max Drive Antrieb ist nur aus Marketing-Sicht mutig, die Nutzung eines Bosch-, Brose- oder Shimano-Antriebsaggregates entlastet den Verkäufer, der da nicht groß argumentieren muss.

Bafang dagegen ist nur Eingeweihten ein Begriff, bei diesen jedoch steht das Aggregat in hohem Ansehen. Was sich schon auf den ersten Fahrmetern bestätigt. Von ganz zart bis stürmisch fällt, je nach Wahl der Unterstützungsstufe, deren fünf zur Verfügung stehen, der Vorwärtsdrang aus. Der Motor stellt bis zu 80 Newtonmeter Drehmoment bereit, und das ganz nach chinesischer Art – bescheiden und nahezu lautlos.

Über 1.300 Kilometer waren keinerlei Ausfälle oder Schwächen zu verzeichnen. Der Antrieb schlug sich also sehr gut, und er trägt sowohl zum vergleichsweise geringen Gesamtgewicht von 23,5 kg als auch zum moderaten Preisniveau bei.

Das Fahrwerk verhält sich spurstabil, was bei dem langen Radstand kein Wunder ist, aber nicht störrisch, was dann schon Anerkennung verdient. Allzu wendig ist die Fuhre freilich nicht. Dafür entschädigt die gebotene Bequemlichkeit, alle Winkel stimmen, kein Glied schläft ein, auch nicht bei Fahrten von achtzig Kilometern und mehr. In unserem oberbayerisch-hügeligen Voralpenland war dann bei knapp dieser Strecke auch regelmäßig Schluss mit Unterstützung, nur hatten wir dann auch jeweils drei- bis vierhundert Höhenmeter mit überwunden. Das gab uns auch die Gelegenheit zu erleben, wie sich der Energie-Ausstieg abspielt, nämlich erst über Aussetzer an Steigungen und allmählichem Leistungseinbruch bis zur schließlichen Totalverweigerung, alles innerhalb von fünf Kilometern. Doch auch hier ein Trost: Das Rad fährt sich auch ohne Motor recht ordentlich, man kommt gut nachhause.

Das Revier des Bikes ist zweifellos die Stadt, dort erfüllen die schmalen Reifen und die Monoshock-Gabel vollends ihre Aufgabe, aber man kann damit sogar problemlos die ein- oder andere Berghütte erreichen, in Bayern wie in der Schweiz kann das nicht schaden. Und wenn es gar zu steil wird, hilft die integrierte Schiebehilfe.

Das anschließende Aufladen des Akkus kann am Bike selbst erfolgen oder extern. Die Akku-Entnahme ist dabei sehr einfach. Nur der lange schlanke Akku ist ein bisschen unhandlich. Hier wäre womöglich eine Griffhilfe oder ein Tragegurt angebracht, aber das ist nur eine Kleinigkeit. Gut ist die unverwechselbare Ladebuchse, die Ladezeit ist Standard, das Ladegerät ist so klein und handlich, dass man es auch gut mitnehmen kann.

Vertriebskonzept

Fachhändler gibt es keine, dafür Flagship-Stores, eine Handvoll auch in Deutschland.

Man kann die Bikes online konfigurieren, d.h. jeweils die Farbe von Rahmen und Reifen, die Rahmenform und die Ausstattung bestimmen und dann im Shop, bei dem man auch testen kann, in Stuttgart, Walldorf, München oder Hamburg das Rad abholen. Auch dies eine Strategie, die Preise moderat halten zu können.

 

Fazit und Verleihtauglichkeit

Das Cleopatra kostet, so wie wir es fuhren, 2.696 Euro zuzüglich 89 Euro für den Gepäckträger, an dem sich auch Fahrradtaschen sehr gut anbringen lassen. Wenn man nach Fehlern sucht, dann fällt auf, dass die Sattelklemmung viel Kraft benötigt, um die eingestellte Höhe zu halten und die Kabel für den Scheinwerfer nicht glücklich verlaufen – funktional egal, aber eben nicht schön. Kleinigkeiten.

Entsprechend dem Retro-Ansatz sind Radstand und Bikelänge bzw. Höhe recht lang gewählt, dabei ist die Sattelrohrlänge eher gering und auch nur in einer Größe, nämlich 45 cm, erhältlich. Moderne Bikes sind deutlich kürzer und auch agiler. Kleine Menschen kommen zwar mit dem Bike zurecht, ergeben darauf aber ein etwas gewöhnungsbedürftiges Bild; Großgewachsene ziehen die Sattelstütze bis zur Markierung aus dem Rohr, um sich wohlzufühlen. Sie wirken dann ein wenig wie ein Ritter auf seinem Ross.

Antrieb und Komponenten sind ohne Fehl und Tadel, die Reichweite wie das Ein- und Aussetzen des Antriebs, die Kraft und Dosierbarkeit, sind über Kritik erhaben.                     Der bleibende Eindruck, den das Rad hinterlässt, ist die Ruhe; die Stille, mit der der Antrieb agiert, und die Souveränität, die die Fahrwerksauslegung ausstrahlt und auf den Fahrer überträgt.

Das Bike ist nicht für den Verleih gemacht und das ist auch spürbar. Andererseits ist es bequem und die Bedienung ist einfach und intuitiv. Der Lenker ermöglicht eine gute Anpassung an verschiedene Körpergrößen- und Haltungen. Dieses Rad wird im Verleih eingesetzt und kommt bei den Kunden gut an.

https://egomovement.com/de/de/

Text: Werner Köstle                                                                                                       Bilder: Autor

 

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