Teure Sänfte auch für‘s Grobe

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HNF XF 2 Trail: Eines für Alles – zum Preis von Zwei oder Drei, kann das gutgehen? Die Antwort gleich vorweg: es kann.

Die Schallmauer bei den neuesten Premium-Bikes liegt bei rund 8.000 Euro. Etwa bei Cannondale, Specialized, Rotwild, Husquarna und Haibike lassen sich solche High-End Bikes erwerben. Aber darunter sind keine Allround-Bikes, weil sich selten andere als hartgesottene Spezialisten und Nerds für dergleichen interessieren.

Anders bei HNF Nicolai. Das XF 2 Trail spielt zwar auch in dieser preislichen Liga, aber es ist kein messerscharf zugeschnittenes Spezialgerät, sondern „nur“ ein nicht ganz klassisches All-Terrain Bike, im Sprachgebrauch des Herstellers: „Der Alleskönner“. Der HNF Werbeslogan: „Bikes ohne Kette“ weist dabei den konstruktiven Weg: Wartungsfreiheit, die Fähigkeit, auch große Kräfte der Mensch-Motor Kombination nahezu verlustfrei, präzise und dauerhaft zu übertragen, das sind die inneren Werte, die am Berg genauso wie im Wald oder in der City realisiert werden sollen.

Tatsächlich hat es HNF als erster Hersteller geschafft, einen Karbon-Antriebsriemen mit einer Hinterbaufederung und einer bergtauglichen Schaltung zu kombinieren und dabei endurale Federwege zu realisieren. Das Bike ist ein technologischer Leckerbissen und einzigartig in seiner Machart. Wie bewährt es sich in der Praxis?

Optischer Eindruck

Herausgekommen ist ein massiv bis martialisch anmutendes Gerät. Allein die Höhe des unbelasteten Bikes mag zuerst erschrecken, was aber nur den enormen Federwegen geschuldet ist. Dazu die breiten Reifen im 650 B+ Standard und der für ein Mountain-Bike recht lange Radstand. Sitzt man erst einmal und legt die Hände an den 72 Zentimeter breiten Lenker, relativiert sich der Eindruck schnell. Geradezu majestätisch thront man auf dem Bike und ist zunächst überrascht von der kommoden Position und dem guten Überblick, den man genießt.

Der Blick auf die Details

Das Rad kommt aus keiner kleinen Edel-Designschmiede, es kann keinen Rahmen aus „handgelegten“ Karbonfasern, Titan oder edlen Hölzern vorweisen und wiegt auch keine 17 Kilo. Aber einzigartig ist es trotzdem. Nicht umsonst steht der Name Nicolai auf demselben. Da muss man nicht lange nach originellen Systemlösungen suchen.

Genial schon der Riemenspanner, der kugelgelagert und federgestützt die Längen-differenzen ausgleicht, die beim Einfedern des Hinterrads entstehen, Voraussetzung für die Verwendung eines Zahnriemens. Sodann der längenvariable Hinterbau samt Ausfallenden, der eine idividuelle Einstellmöglichkeit erlaubt, die dieses Wort auch verdient. So kann das Rad etwa auf verschiedene Reifengrössen angepasst werden.

Die Rahmenrohre sind aus Alu 7000 und WIG handgeschweißt, mit fein verschliffenen Nähten an den Verbindungen. Das Unterrohr, das den Bosch Intube-Akku aufnimmt, ist gekammert und, wie auch die übrigen Rohre und Verbindungen, hochstabil. Die ausgeklügelte Kinematik der Hinterbaufederung verschwendet keine Pedalkräfte, die ganze eingebrachte Kraft geht nahezu verlustfrei in den Vortrieb.

Komponenten

Abseits der genialen Detaillösungen verrichten Großserienprodukte aus dem (E-)Mountainbike-Regal ihren Dienst. Aber auch hier nur das Beste vom Besten, angefangen von der blockier-und justierbaren RockShox Lyric Gabel über die Vierkolben Bremsanlage von Magura und die Rohloff E 14 Nabenschaltung mit Schaltautomatik und über 500 Prozent Gangspreizung. Bis hin zur Supernova Lichtanlage ist alles vorhanden. Nur bei Regen würde man sich noch Schutzbleche wünschen – aber das ist konstruktionsbedingt kaum möglich.

Fahren

Dass dieser Mix aus Mountain-Konzeption und aufrechter Sitzposition tatsächlich das Beste beider Welten so harmonisch verbinden kann, ist schon erstaunlich.                                   Alles ist weich und souverän. Man sitzt mehr im Bike als auf ihm und hat doch das Gefühl, über dem Geschehen ringsum zu thronen. Der Bosch-Motor Performance CX legt geradezu vehement und dabei recht leise los, das Fahrwerk ist jeder Situation gewachsen, die Bremsen ebenso. Die Schaltung erfolgt elektrisch, ein kurzer Druck löst einen Gangsprung aus, ein längerer schaltet drei Gänge rauf oder runter. Das erfolgt nicht immer ohne jeden Zeitverlust und man hört die Gangwechsel bisweilen auch, aber man landet immer im anvisierten Übersetzungsverhältnis. Zur Rohloff-Nabe gibt es ohnehin keine Alternative, will man dem Berg per Zahnriemen zu Leibe rücken. Nur so gelingt es, die ganze Kraft des Bosch-Aggregates auf Dauer problem- und ölfrei zu übertragen.

Bergauffahrt – kein Problem. 1000 Höhenmeter gehen allemal, sogar Trails, die nicht allzu winklig sind, überfordern das Bike bzw. den Fahrer nicht. Allzu grobe Singletrails vermeidet man besser, das Gewicht und die Reaktivität setzen doch Grenzen; Grenzen, die allerdings weder für die automatische Rohloff noch für die Vierkolben-Bremsen oder die Federgabel gelten. Im Downhill macht das Bike eine gute Figur, spurtreu zirkelt man es auch durch enge Kehren. Konzentration ist trotzdem vonnöten, das Gewicht des Bikes zieht merklich zum Kurvenrand.

Schwitzen Stirn und Hände nach dem zu-Tal rollen, ist Genuss angesagt und das Bike in seinem eigentlichen Revier. Trotz seiner erstaunlichen Eignung als Allmountain-Bike ist doch der Forst- oder Kieswegweg und die Straße bzw. der Radweg sein eigentliches Revier. Dort rollt es an der Grenze der Unterforderung dahin, Anti-Squat und Federwege werden nie ausgeschöpft, aber das trägt wohl zum souveränen Eindruck bei. Wir sind es im städtischen Umfeld gefahren mit einem  Ausflug in steilere Gefilde, aber an seine Grenzen gebracht haben wir es weder hier noch dort.

Überrascht hat uns die allgegenwärtige Leichtgängigkeit, die gute Beherrschbarkeit bei allen Geschwindigkeiten; auch wenn wir, eigekeilt im Münchner Radverkehr, mit kaum mehr als Schrittgeschwindigkeit Hindernisse im Weg umkurven mussten und an der Ampel in den Pedalen stehend Gleichgewichtstraining absolvierten. Dann ein kurzer Antritt und der Radweg lag wieder frei vor uns. Fast immer bewegten wir uns an der Unterstützungsgrenze, weil das Bike regelrecht dazu auffordert. Meine längste Strecke im Test betrug gut 85 Kilometer, bei verbliebenen knapp 20 Prozent Restkapazität im Akku. Das Bike ohne Motorunterstützung zu fahren war allerdings keine Freude, dann wirkt es sehr träge und schwer. Wir beließen es bei einem kurzen Versuch. Und nach den 85 Kilometern war ich körperlich zwar nicht am Ende, aber doch ziemlich erschöpft. Nach solchen Strecken bin ich schon frischer von E-Bikes abgestiegen, auf die Dauer macht sich das Gewicht doch nachteilig bemerkbar.

Geladen haben wir das Bike – wir hatten keinen Akkuschlüssel mitbekommen – in der Wohnung im zweiten Stock. Das war zwar ein Kraftakt, doch der Rahmen bietet gute Griffoptionen, so dass die Haupt-Herausforderung war, das lange Bike um die Ecken im Treppenhaus zu bugsieren ohne hässliche Gummispuren an den Wänden zu hinterlassen.

 

Eignung für den Verleih:

Diese ist wohl in einem höheren Maße als bei anderen Bikes abhängig von der Rahmengröße, denn es ist schon ein rechtes Trumm, eben ein SUV auf zwei Rädern. Für kleinere Frauen eignet es sich nicht besonders. Die aufrechte Sitzposition ist ein pro-Verleih Argument, weil sich das Bike sehr gut und einfach beherrschen lässt und tolle Fahrerlebnisse bietet. Auch das Vorhandensein einer (high-End)Beleuchtungsanlage ist nützlich für einen Verleih. Eine Gepäckmitnahme ohne Rucksack auf dem Buckel ist nicht möglich, von der Montage eines Gepäckträgers am Sattelrohr raten wir ab, es würde auch irgendwie lächerlich wirken. Was noch für einen Verleih-Einsatz spricht, ist die weitgehende Wartungsfreiheit, die auf Dauer den hohen Anschaffungspreis kompensiert. Und der Zahnriemen sorgt neben seiner Zuverlässigkeit und langen Lebensdauer auch noch für unverschmutzte Hosenbeine.

Geführte Touren in bergigen Regionen sind gut vorstellbar, hier kommt der Universal-Charakter des Bikes vorteilhaft zum Tragen. Und es stellt eben etwas ganz Besonderes dar, das kann schon eine Motivation für ein Hotel sein, es anzuschaffen.

Fazit:

Das HNF XF 2 Trail ist seinen Preis wert, wenn es zwei oder gar drei Bikes ersetzen soll, weil etwa kein Platz dafür vorhanden ist. Oder wenn man auf die vielfältigen Einstellmöglichkeiten zurückgreifen will, dann kann man praktisch ein Maß-Bike sein eigen nennen, das zudem schier unverwüstlich und von hoher handwerklicher Präzision ist. Darüber hinaus bleibt es ein Spielzeug, dessen Anschaffung eher emotional motiviert ist. Dann ist es ein Prestigeobjekt, das aber Multitasking kann.

https://www.hnf-nicolai.com/ebike/xf2-trail/

Text: Werner Köstle

Bilder: Wie angegeben, Aufmacher: Dr. Rudolf Dorsch

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Werner Köstle
Werner Köstle lebt in München. Nach dem Studium der Philosophie absolvierte er eine Management-Ausbildung und arbeitete als wissenschaftlicher Assistent an der TU München. Im Jahr 2000 übernahm er die technische Leitung eines Unternehmens zur Entwicklung elektrischer Leichtfahrzeuge für den professionellen Einsatz. Danach tätig als freier Redakteur und Berater. Als Mitbegründer der Agentur ist er seit 2014 bei Touremo als verantwortlicher Redakteur und eMobility-Berater.

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