Genfer Frühlingserwachen

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Was vor kurzem noch undenkbar war, offenbart sich nun: der Genfer Autosalon, einst Inbegriff  glamouröser Inszenierung automobiler Neuigkeiten entwickelt sich quasi über Nacht zum Schaufenster für Mobilitätsprodukte und –Dienstleistungen aller Art. Insbesondere elektrischer.

Natürlich waren sie nicht plötzlich verschwunden, die PS-strotzenden Boliden, und auch herkömmlich angetriebene Klein- und Mittelklassewagen gab es auf dem diesjährigen Genfer Salon noch reichlich zu sehen. Dennoch fiel auf, wie dynamisch, ja geradezu dramatisch, sich der Wandel in der Automobilbranche nun vollzieht. Einerseits Richtung Elektrifizierung, aber auch hin zu umfassenden (e-)Mobilitäts-Dienstleistungen und Produktpaletten. Die reine Autoshow war gestern!

Kabel wohin man blickt

Nur wenige Hersteller verweigern sich noch der eMobilisierung, bei vielen anderen konnte man den Eindruck gewinnen, jedes dritte gezeigte Modell wäre bereits (teil-) elektrifiziert. Nun, knapp 7 Jahre (!) nachdem Tesla sein Modell S auf den Markt rollen ließ, wurde es aber auch Zeit, dass die Stromer in Genf nicht nur sporadisch Einzug halten.

Neu auch die Vielzahl an Ausstellern kleinerer E-Mobile, die nun, nachdem einige der großen OEM-Marken wie Ford, Volvo, Hyundai, Jaguar/Landrover oder Opel der Messe fern blieben, Gelegenheit fanden, ihre Entwicklungen zu präsentieren.

Exemplarische Auswahl

Aus der Menge der gezeigten PKW-Stromer stach zweifelsohne ein Modell heraus, das erst ein paar Tage vor (!) dem Autosalon erstmals der Öffentlichkeit präsentiert worden war: der Polestar 2. Nachdem die elektrische Edel-Marke von Volvo bereits im Jahr zuvor mit dem Polestar 1 einen Plug-in Hybriden zeigte, sorgte nun der rein-elektrische 5-Türer mit Fließheck für einiges Aufsehen. Nicht zuletzt auch wegen seiner kühlen Inszenierung in einer weißen Show-Box.

Mit seiner kommunizierten Reichweite von 500 Kilometern (nach WLTP) und einem Preis ab 40 000 Euro zielt der Polestar 2, der nur online bestellt werden kann, exakt auf das eben erst von Teslas Modell 3 besetzte Mittelklasse-Segment ab. Die bisherige Auftragslage lässt bereits erahnen, dass sich der avantgardistische Schweden-Stromer (in chinesischem Besitz) zu einem echten Konkurrenten für den bisherigen Platzhirschen entwickeln könnte. Auch wenn die zunächst erhältliche „Launch Edition“ rund 60.000 Euro kostet.


Hielt sich die Konzernmutter Volkswagen mit elektrischen Neuerungen diesmal noch dezent zurück – was sich wohl auf der IAA ändern dürfte – so befand sich der Stand von Audi umso stärker unter Strom.

Sicht-Bar: Audi zeigte in Genf deutlich E-Flagge

Neben dem Audi e-tron, der dieser Tage ausgeliefert wird, gaben die Bayern mit Concept-Fahrzeugen eines GT, eines bunt „getarnten“ Sportback und des Q 4 einen Ausblick auf künftige Mitglieder der e-tron-Familie. Sollte sich speziell der Serien-GT optisch an der ausgesprochen gelungenen Studie orientieren, könnte den Ingolstädtern damit ein großer Wurf gelingen.

Bei Honda gab es auf den ersten Blick schon Bekanntes zu sehen, ähnelt doch die nur leicht modifizierte, inzwischen seriennahe, Version des „Urban EV“ der bereits im letzten Jahr gezeigten Studie. Was durchaus als gutes Zeichen und als Indiz gewertet werden kann, dass sich die Japaner offenbar bei der Formensprache ihres ersten reinrassigen Stromers ziemlich stil-sicher sind. Mag das Design auch Geschmackssache sein und polarisieren, aber ein Eye-Catcher ist der City-Stromer allemal. Und das zahlt, wie jedes außergewöhnlich gestaltetes E-Modell, auf die Wahrnehmung der Elektromobilität im Verkehrsgeschehen ein. Übrigens, wir empfinden den kompakten „Urban EV“ in seinem Retro-Kleid zumindest optisch als durchaus gelungen und sind gespannt, wie es um die inneren Werte bestellt sein wird. Erlebbar gegen Jahresende. Wir werden berichten.

Bleiben wir gleich beim Stadtverkehr und wenden uns dem Thema „Light Electric Vehicles“ (LEV) zu. Wobei wir gleich mit einem Eingeständnis beginnen: als einst Renault sein elektrisches Minimobil „Twizy“ auf den Markt brachte, waren wir nicht nur von dessen Erfolg überzeugt, sondern uns auch sicher, dass bald viele weitere Hersteller dem Vorbild der Franzosen folgen und ebenfalls mit kleinen, agilen City-Stromern eine Antwort auf die Parkplatznot geben würden. Hatten sie doch fast alle auf diversen Messen schon entsprechende Konzepte gezeigt. Bekanntlich kam es anders. Aber vielleicht ist die Zeit demnächst dann doch reif für urbane Kleinstromer – denkt sich offenbar Citroen und löste in Genf mit der Studie „Ami One“ durchwegs positive Reaktionen aus. Bleibt abzuwarten ob das pfiffige E-Konzept auch den Weg zur Serienreife einschlagen darf. Es wäre jedenfalls zu wünschen, da der Ami One gerade Sharing- und Mietdiensten eine prädestinierte Mobilitätslösung bieten könnte.

Wenn wir schon beim PSA-Konzern sind, machen wir noch einen Abstecher zur Schwestermarke Peugeot. Hier stach vor allem die Vielzahl an Plug-in Modellen ins Auge, wobei die Löwenmarke mit dem „e 208“ auch einen reinrassigen Stromer präsentierte. Einen optisch gelungenen, wie wir fanden. Was angesichts der generell ausgezeichneten Designsprache der Marke wiederum nicht verwundert. Wir bleiben auch hier am Ball und werden ausführlicher auf die (teil-)elektrischen PSA-Modelle eingehen, sobald wir uns einen Fahreindruck verschaffen konnten.

Trend: Der Autohersteller als e-Mobilitätsanbieter

Kaum ein etablierter Hersteller, der nicht neben seine Autos auch noch allerlei elektrische „Kleingerätschaften“ stellte. Speziell auf das Segment „elektrische Micromobilität“ scheint man sich nun, da seitens des Verkehrsministeriums endlich grünes Licht für E-Scooter und Co. auch in Deutschland gegeben wurde, zu fokussieren. Es gibt viele gute Gründe, dem Kunden mit dem (E-)PKW auch gleich noch angepasste, im Kofferraum verstaubare Mobilitätsprodukte für die „letzte Meile“ zu verkaufen. Und so erinnerte vieles, was nun in Genf zu sehen war, nicht mehr an die noch schnell zusammengebastelten, „gefakten„ Verlegenheitslösungen früherer Jahre. Auch wenn noch mancherlei „Zierrat“ ohne echten Innovationsgehalt auf den Ständen platziert war – meist in Form gewöhnlicher E-Bikes – so war doch einigen ambitionierteren Studien anzusehen, dass es deren Aussteller erst meinen mit dem angekündigten Wandel zum e-mobilen Komplettanbieter. Beeindruckt hat uns speziell die umfangreiche Palette von Micro-Mobilen bei Volkswagen, aber auch größere Exemplare auf zwei bis vier Rädern wie etwa ein E-Roller von Peugeot dürften das Potential haben, das künftige Verkehrsgeschehen zu entlasten. Von überflüssigen Autofahrten und Emissionen. Innovativ, modern, aufregend. Natürlich elektrisch.

Text: Peter Grett

Bilder: Aufmacher: Autosprint, Messefotos: Peter Grett, Galeriebilder wie dort angegeben

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Peter Grett
Peter Grett beschäftigt sich seit mehr als 20 Jahren beruflich mit allen Fragen der Elektromobilität. Nach dem Studium der Pädagogik und (Wirtschafts-)Psychologie bereits Mitte der 90er Jahre als Geschäftsführer eines E-Fahrzeug-Entwicklungsunternehmens tätig, gehört er zu den eMobility-Pionieren in Deutschland. Der Mitbegründer des Bundesverbands eMobilität blieb als Marketingleiter und Berater verschiedener Elektrofahrzeug-Unternehmen, später als Chefredakteur, freier Journalist und Autor dem Thema bis heute treu. Peter Grett ist mittlerweile ein international gefragter Experte und Referent für die Implementierung der Elektromobilität im touristischen Umfeld.

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