Hyundai Kona Elektro – So geht Elektro !

0
1281

Hyundai hatte uns bereits mit dem elektrischen Ioniq überzeugt. Nun setzen die Koreaner mit dem größeren Kona Elektro noch einen drauf und mit Reichweiten jenseits von 400 Kilometern zugleich neue E-Maßstäbe. Wir stellen unseren persönlichen Preis-/Leistungs-Champion vor.

Nicht bei allen Autokäufern sind große SUV beliebt. Gerade in der Stadt hält sich das „Vergnügen“ mit den sperrigen, tonnenschweren Brummern zu kutschieren und sich auf Parkplatzsuche zu begeben, durchaus in Grenzen. Vom Anti-Ökoimage ganz abgesehen. Wem es jedoch vor allem auf eine etwas erhöhte Sitz- und Sichtposition ankommt, wird sich mit einem kleineren Kompakt-SUV schnell anfreunden. Erst recht, wenn der dann auch noch angenehm geräuschlos dahin gleitet und bei Bedarf forsch nach vorne prescht. Zumal emissionsfrei. Wie etwa der Kona Elektro.

kurvige Landstraßen, ein Metier, das der Kona Elektro beherrscht

Kraftpaket mit beachtlicher Reichweite

Wir bewegten unseren Teststromer im ausgehenden Winter in einem Temperaturfenster zwischen -2 und + 12 Grad Celsius problemlos auf Autobahnen, Landstraßen ebenso wie in der Stadt. Besonderes Vergnügen bereitete uns der vollelektrische Kona auf einem entspannten Trip entlang der Deutschen Alpenstraße, die sich zwischen Bodensee und Königssee schlängelt. Trotz mancher Bergauf-Passagen und der teilweise recht frischen Außentemperaturen konnten wir die Reichweite um die 400 Kilometer halten. Ein Wert, den sonst nur Premium-Stromer erreichen. Folglich stellt sich die berechtigte Frage, wie sich eigentlich deren um das mindestens Zweifache höhere Preisniveau rechtfertigen lässt. Vom Markenimage einmal abgesehen. Also begaben wir uns auf die Suche nach dem einen oder anderen wunden Punkt, nach Mängeln und Schwachstellen des Koreaners. Und fanden: so gut wie nichts.

Unser Testwagen lieferte 150 kW/204 PS, was ihm gehörige Sprinteigenschaft verleiht, die auch mit der alternativ angebotenen Motorisierung mit 100 kW/136 PS noch beachtlich ist. Das kräftige, E-Antrieb-typische Drehmoment von 395 Newtonmeter der stärkeren Variante sorgt für Sicherheit bei Überholvorgängen und jede Menge Fahrvergnügen.

Das Interieur vermittelt sachliche Eleganz

Zeitgemäßes Innenleben

Das Platzangebot ist für einen SUV nicht allzu üppig, aber durchaus ausreichend. Im Vergleich zum konventionell angetriebenen Kona müssen die Fondpassagiere, bedingt durch die im Unterboden angebrachten Batterien, mit ein paar Zentimeter weniger Kopffreiheit auskommen. Ablagemöglichkeiten sind reichlich vorhanden, ebenso genügend Stauraum für Gepäck. Der Stromer ist mit seiner Länge von lediglich 4,18 Metern zwar kein Raum-Riese), aber wenn man bedenkt, dass mancher Plug-in-Hybrid mit lediglich 30 km realer Reichweite eine zerklüftete, stufige Ladefläche bietet, weil die Batterien hinter den Rücksitzen platziert sind, dann kann der praktische Koreaner auch in puncto Platzangebot durchaus mithalten.

Das Bedienkonzept fanden wir ausgesprochen angenehm, wird man doch nicht gezwungen,  sich in pseudomoderner Manier ausschließlich durch endlose Menüs zu wischen. Stattdessen wird ein sinnvoller Mix aus Tasten, Drehreglern und Touchscreen geboten. In der Mittelkonsole befindet sich ein 8-Zoll großer Bildschirm, der von Tasten etwa für die Navigation und Radio flankiert wird.

Tasten statt Stock – wohltuend!

Wahlhebel für die Automatik findet sich keiner, was jedoch niemand vermissen wird. Im Gegenteil, denn dafür gibt es in der Mittelkonsole die vier mit P, N, D und R bezeichneten Tasten. Bedienungsfreundlich und platzsparend. Apropos Mittelkonsole: sie besitzt keinen Unterbau, schwebt also gleichsam im Raum. Zwar hat man derartige Designelemente durchaus schon eleganter gesehen, etwa bei Volvo, doch zeigt sich daran, dass Hyundai nicht nur auf hohe Funktionalität und ordentliche Verarbeitung, sondern ebenso auf optische Gefälligkeit setzt. Ohne dabei gezwungen futuristisch wirken zu wollen.

Ebenfalls in der Mittelkonsole sind Tasten für die Sitzheizung bzw.  -kühlung sowie für die Lenkradheizung untergebracht. Zur Serienausstattung gehören eine Rückfahrkamera, das neue Audio Display-System wie auch das mit der Soundanlage gekoppelte Navigationssystem und eine umfangreiche Smartphone-Einbindung.

Überzeugende Fahrleistungen

Vier Fahrmodi können über eine Taste gewählt werden. Wir waren etwa zu 80 Prozent im Eco-Modus unterwegs, da die Einbußen bei der Motorleistung hier nicht allzu gravierend ausfallen und das Fahrzeug – im Vergleich zu den meisten Verbrennern – immer noch ausgesprochen zügig beschleunigt. Aus unserer Sicht wäre es dem Hersteller aus Effizienzgründen zu empfehlen, die Eco-Stufe standardmäßig einzustellen statt den  Comfort-Modus vorzugeben. So aber muss erst bewusst eine sparsamere „Gangart“ gewählt werden.

Geht man während der Fahrt in den Sport-Modus, macht der Klein-SUV gefühlt einen richtigen  Satz nach vorne. Und wer bei Nässe aus dem Stand beschleunigt, dem wird für einen Sekundenbruchteil verdeutlicht, dass er nicht in einem Allrad-Auto sitzt, weil die Traktion dann schon mal kurz mit dem Mords-Drehmoment kämpft – sprich, die Vorderräder durchdrehen.
Was Fahrdynamik und Kurvenverhalten betrifft, schlägt sich der Hyundai-Stromer, nicht zuletzt dank seines tiefen Schwerpunkts, ausgesprochen gut. Dazu trägt auch die präzise Lenkung bei.

Als routinierte E-Driver wählten wir gewohnheitsmäßig mit Hilfe der am Lenkrad befindlichen Wippen die jeweils höchste Rekuperations-Stufe, d.h. den Grad der Verzögerung und folglich der Energierückspeisung. Mit etwas Erfahrung lässt sich der 1,8 Tonner nicht nur entspannt, angenehm und stressfrei, sondern dabei auch überwiegend  im Einpedalbetrieb chauffieren. Heißt, man bremst besonders im Stadtverkehr vornehmlich allein durch das „vom Gas gehen“. Und zur „Belohnung“ wird angezeigt, wie viele Kilometer an Reichweite man dabei gewonnen hat. Diese und die meisten anderen essentiellen Informationen liefert das Zentraldisplay im Sichtfeld, so dass man eher selten auf den große Screen blicken muss.

Der etwas verkniffene Gesichtsausdruck passt zur aktuellen Liefersituation

Zahlreiche Assistenzsysteme und Sicherheitsfeatures

Hinter der Bezeichnung “Advanced Smart Cruise Control” verbirgt sich eine Geschwindigkeitsregelanlage, die sowohl das gewählte Tempo beibehält, als auch für einen konstanten Sicherheitsabstand zum vorausfahrenden Auto sorgt. Verringert sich dieser, wird die Geschwindigkeit automatisch reduziert – und wieder erhöht, wenn die Distanz anwächst. Das System verfügt darüber hinaus über eine Stopp-Funktion: Wenn beispielsweise bei einem Stau der vorausfahrende Verkehr zum Erliegen kommt, wird der Kona Elektro bis zum Stillstand abgebremst. Geht es innerhalb weniger Sekunden weiter, fährt der Wagen selbstständig wieder an. Und weiter geht es mit dem „Englischkurs“: der Frontkollisionswarner namens „Forward Collision-Avoidance Assist“ mit autonomem Notbremsassistenten warnt vor drohenden Kollisionen oder einem Zusammenprall mit Passanten und bringt bei ausbleibender Reaktion den Kona Elektro mit voller Bremskraft zum Stillstand. Der aktive Spurhalteassistent – wir sparen uns diesmal die „Wichtigtuer- Bezeichnung“ – warnt den Fahrer bei unbeabsichtigtem Verlassen der Fahrspur und führt rechtzeitig vor einem möglichen „Abflug“ die entsprechende Lenkkorrektur durch.

Beim Lane Following Assist handelt es sich um einen Spurhalteassistenten der neuesten Generation, der den Kona Elektro auf Landstraßen und Autobahnen bis Tempo 150 immer automatisch in der Mitte der Fahrspur hält. Weitere Assistenzsysteme an Bord des Kona Elektro sind ein Totwinkel-Warner und ein hinterer Querverkehrswarner, der bei eingelegtem Rückwärtsgang aktiv wird und zum Beispiel beim rückwärtigen Ausparken den Verkehr in einem 180-Grad-Radius überwacht. Droht eine Kollision mit einem Fahrzeug, das sich von der Seite nähert, wird akustisch und optisch Alarm geschlagen.

Außerdem an Bord ist ein Aufmerksamkeitsassistent, der nicht nur die Fahrzeit im Auge hat, sondern über diverse Parameter wie Lenkbewegungen oder Spurtreue des Fahrzeugs registriert, wenn am Steuer die Konzentration nachlässt. Dann empfiehlt er mit einem Hinweis in der Instrumentenanzeige eine Pause.

Schon erstaunlich, was die Koreaner mit ihrem modernen, alltagstauglichen, leistungs- wie reichweiterstarken Stromer in einer Preiskategorie zwischen 34 600 und 46 000 Euro – je nach Motorisierung und Ausstattung – anbieten. Um es auf den Punkt zu bringen: wir waren mehr als angetan vom Kona Elektro. Und dann glaubten wir „endlich“ doch noch einen wunden Punkt gefunden zu haben, besser gesagt wir fanden tatsächlich ein gehöriges Manko. Aber dann…

in Zukunft dreiphasig – Schnarchladung ade!

Der einzige Kritikpunkt löst sich in Luft auf!

Eigentlich halten wir längere Ladezeiten für ein teilweise überbewertetes, aufgebauschtes Problem, laden doch die meisten E-Driver entweder zu Hause, am Arbeitsplatz oder am Pendlerparkplatz. Wenn sie dann wieder starten, ist das Gefährt meist wenigstens zu 80 Prozent wieder geladen. Dass es leider auch anders geht, beweist, besser: bewies der Hyundai-Stromer.

Öffentliche Charger, die technisch in der Lage wären, bis zu 22 KW zu laden, versorgten unseren Testwagen mit lediglich 7,2 Kilowattstunden. Ähnliches erlebten wir an der Wallbox der Tiefgarage. Die Ursache: der Kona Elektro ließ sich nur über eine Phase laden. Das Ergebnis sind dann Ladezeiten, die gefühlt endlos, real „lediglich“ bis zu 17 Stunden dauern können.  Und so fanden wir, dass einphasiges Laden heutzutage in Europa ein echter Anachronismus ist. Der Meinung war man schließlich auch bei Hyundai und kündigte Anfang Mai in einer Pressemitteilung an, dass ihr Top-Stromer künftig mit einem dreiphasigen On-Board-Lader mit 11 kW ausgestattet wird, wodurch deutlich kürzere Ladezeiten möglich sein werden. Na also, geht doch! Und so mussten wir am Ende auch in diesem Punkt kapitulieren und sogar noch ein weiteres Lob hinzufügen für das rasche Ausmerzen der aus unserer Sicht einzigen echten Schwachstelle.

Nicht unerwähnt bleiben soll auch, dass das Laden an einer 50- oder-100-kW-Schnellladestation von Beginn an kein Problem darstellte. Bei längeren Trips reichte meist eine Stunde aus, um die nächste Etappe entspannt in Angriff nehmen zu können.

Das dicke Ende

Um die Lobhudelei nicht zu sehr auf die Spitze zu treiben, am Ende dann doch noch ein dicker Wermutstropfen: die Lieferzeit des Kona Elektro beträgt derzeit ein ganzes Jahr.  Es gibt nicht viele E-Autos auf dem Markt, die uns zu der kühnen Aussage verleiten würden, dass sich die schier endlose Wartezeit sogar lohnen würde. Wenn, dann gehört der Kona Elektro auf alle Fälle dazu. Und wer weiß, vielleicht löst sich der Lieferstau in absehbarer Zeit allmählich auf. Dann würde der flotte Korea-Stromer den europäischen Markt so richtig aufmischen. Das Potential zum Bestseller hat er jedenfalls.

https://www.hyundai.de/modelle/kona-elektro/

Text: Peter Grett

Bilder: Aufmacher: Elmar Thomassek; Bilder 4 u. 5: Peter Grett; alle anderen: Hyundai

TEILEN
Vorheriger ArtikelPauschalreiserecht – Hindernis für elektromobile Angebote im Hotel?
Nächster ArtikelE-Bike-Festival zum Saisonstart
Peter Grett
Peter Grett beschäftigt sich seit mehr als 20 Jahren beruflich mit allen Fragen der Elektromobilität. Nach dem Studium der Pädagogik und (Wirtschafts-)Psychologie bereits Mitte der 90er Jahre als Geschäftsführer eines E-Fahrzeug-Entwicklungsunternehmens tätig, gehört er zu den eMobility-Pionieren in Deutschland. Der Mitbegründer des Bundesverbands eMobilität blieb als Marketingleiter und Berater verschiedener Elektrofahrzeug-Unternehmen, später als Chefredakteur, freier Journalist und Autor dem Thema bis heute treu. Peter Grett ist mittlerweile ein international gefragter Experte und Referent für die Implementierung der Elektromobilität im touristischen Umfeld.

Kommentieren Sie diesen Artikel

Please enter your comment!
Please enter your name here