Holländisches Flair – Cortina E-Bikes Mozzo Pro und Common im Test

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Die in der Niederländischen Radszene schon länger arrivierte Kruitbosch-Gruppe, die ursprünglich als Fahrradhändler und Teilegrossist gestartet war, präsentiert mit Cortina eine E-Bike-Marke, deren Produkte eine gut ausgewogene Mischung aus Praktikabilität und Design-Orientierung bereithalten. Die „Dutch Fashion Bikes“ sollen „Charakterzüge“ ihrer Besitzer wie smart, ehrlich, aufgeschlossen, positiv denkend widerspiegeln und als Lifestyle-Produkte eben diese Kernmerkmale im täglichen Gebrauch auch ausdrücken. So sollen sich die Bikes in ihrem Charakter ganz selbstverständlich an den Bedürfnissen der NutzerInnen orientieren und einen echten Mehrwert in deren Alltag darstellen, inklusive stilvoller Accessoires und passender Modeartikel. So etwa lautet der wort- und ideenreich inszenierte Marken-Kerngedanke im Cortina-Brandbook. Was da beschworen wird, ist ein besonderes Image als Markenmerkmal. Finden wir das in den Bikes wieder oder verbleibt es bei einem bloßen Marketing-Sprech?

Die Bikes
Zwei Fahrradwelten und dabei doch ein durchgängiger „Charakter“, so das Versprechen. Sport einerseits, Transport andererseits, beides bequem, beides chic und an den tatsächlichen Bedürfnissen orientiert. Das könnte man auch als die Essenz unserer Fahrten zusammenfassen und hinzufügen: typisch niederländisch eben.

 

E-Mozzo pro –  Das City- und Trekking-Bike

Charakter
Sportlich – der Shimano Antrieb Steps E 6100, wie er auch in Mountainbikes Verwendung findet, Starrgabel und kurzer Radstand bzw. Nachlauf definieren den Charakter. Das Bike ist expressis verbis auf Dynamik getrimmt, für Pendler und Ausflügler, die schnell vorankommen möchten. Komfortabel – der überzeugte Niederländer möchte ja nicht auf die aufrechte Sitzposition, den geschlossenen Kettenkasten und eine Freilauf-Nabenschaltung verzichten. Ebenso zeugen die – etwas kurzen – Schutzbleche, das Rahmenschloss, die Federsattelstütze und der Lowrider-Fahrradtaschenträger vom bivalenten Charakter des Bikes.

Kernkomponenten
Hier ist natürlich zuallererst auf den Antrieb abzustellen. Der so bündig wie formschön in das Rahmendreieck integrierte Shimano-Antrieb mit 60 Newtonmetern Drehmoment ist definitiv ein flotter Geselle. Er setzt ganz leicht verzögert ein und beschleunigt dann kraftvoll bis ca. 26 km/h, bevor er etwas plötzlich ausklinkt; darüber setzt er praktisch keinen Tretwiderstand mehr entgegen.

Der Rahmen ist „Artwork“ pur. Hier noch profan von bloßen Rohren zu sprechen wäre wohl eine Untertreibung bzw. Beleidigung, Fläche herrscht vor – Dank Hydroforming ist das Geröhr fast schon eine Art Monocoque. Dabei sind hier alle Stöße fein verschliffen, das Eleganzideal verlangt so etwas einfach. Unser Modell hatte die Farbe Gold und damit auch eine Prise Glamour, die Farben für 2020 sind dagegen gedeckt, silber, grau , blau, schwarz – warum eigentlich?

Fahren
Das Bike liegt satt auf der Straße und fährt sich sehr zielgenau und dabei doch reaktiv, der schlanke und stabile, dabei manchmal etwas harte Alurahmen sieht eben nicht nur gut aus, sondern fährt sich auch so. Der Ergotec Sportlenker liegt gut in der Hand, mit dem Satori-Schnellverschluss lässt er sich in Nullkommanix ohne Werkzeug in Winkelstellung und Neigung verstellen. Lenker und Vorbau sind dabei der Modellvariante „Pro“ vorbehalten. Die Shimano-Scheibenbremsen überzeugen, die Nexus-Achtgangnabe mit Freilauf gibt sich weder vom Schalten selbst als auch von der Abstimmung her eine Blöße, das HMI und die Schaltereinheit links geben keinen Grund zur Klage, eben so wenig die Lichtanlage mit im hinteren Schutzblech integrierten Rücklicht.

Unsere Testfahrten im Januar deuten auf eine erzielbare Reichweite im mittleren Fahrmodus „Norm“ von um die 100 Kilometern hin. Der Akku ist sehr bedienfreundlich zu entnehmen, leicht und handlich, solange man ihn zum tragen verstauen kann, denn die integrierte „Griffmulde“ ist seltsamerweise glatt ausgeführt.

Drei Fahrmodi stehen zur Verfügung, schon der Eco-Modus bietet zügiges Vorankommen, der High-Modus bringt dann richtig Rasanz ins Spiel.

Der Akku liefert bei 36 Volt 504 Wattstunden Energie und sitzt sehr schön semi-integriert auf dem Unterrohr, von wo er ganz einfach seitlich zu entnehmen ist. Also alles Glanz und Gloria?

Es gibt indessen ein paar kleine Einschränkungen im Gebrauch, wo sich mal wieder offenbart, dass fast alles eben auch eine Kehrseite hat. So ist das Bike auf guten Untergrund angewiesen, auf holländischen Bikestraßen entlang an den Kanälen, wo Schlaglöcher eine Seltenheit sind, da ist es in seinem Revier. In deutschen Städten dagegen mit oft buckligen Fahrbahnbelägen, Straßenbahnschienen und Bordsteinkanten allerorten ist man bisweilen geneigt, über die Härte des Rahmens zu klagen oder sich etwas breitere Reifen zu wünschen.

Das an sich sehr praktische Ein-Schlüssel-System, mit dem sowohl der Akku als auch das Hinterrad verschlossen werden, offenbart eine gewisse Tücke: Da der Schlüssel aus Sicherheitsgründen nur auf Position „locked“ abziehbar ist, so muss, will man den Akku entnehmen, erst das Hinterrad versperrt werden. Soll dann das Bike in eine enge Lücke geschoben werden, muss das Hinterrad wieder entsperrt werden, bevor es wieder abgesperrt und über ein zweites Schloss zusätzlich gesichert wird.

Am Lowrider sollten nur schmale, hochformatige Kuriertaschen verwendet werden; bei breiteren Taschen im Aktentaschenformat hebelt man diese mit der Ferse von der Halterung, es sei denn, man hat den Vorteil einer sehr kleinen Schuhgröße.

Und zuletzt noch: so schön, kompakt und leicht ein- und auszuklinken der Akku ist, beim tragen fällt auf: die Fläche (Griffmulde) ist ganz glatt, die Angst, das Ding fallen zu lassen, ist ständiger Begleiter. Dazu müsste die Griffmulde doch nur eine Riffelung aufweisen und das Problem wäre verschwunden.

Der Preis liegt bei 3.099 Euro für das Pro. Verzichtet man auf die Premiumausstattung und nimmt auch mit etwas weniger Akku-Kapazität und sieben Gängen sowie dem Steps E 5000er Motor Vorlieb, ist man schon ab 2.599 Euro dabei. In allen Fällen gibt es viel Bike fürs Geld.

 

E-Common – Der Reichweitenriese

Charakter
Dass dieses Bike aus demselben Stall kommt, sieht man noch am ehesten am schwungvoll gebogenen Hinterbau, dem Kettenkasten und der noch aufrechteren Sitzposition. Ansonsten ist alles anders, was aber nur zeigt, dass Cortina die Ausrichtung an den Bedürfnissen der jeweiligen Zielgruppe sehr ernst nimmt. Dieses Bike ist nämlich ein echtes „Fietsen“, das vor allem für den stilvollen Transport von bis zu 50 Kg Nutzlast gedacht ist und sein Revier fast ausschließlich in der Stadt sieht, ein Bike etwa für junge Familien.

Kernkomponenten
Der Alu-Rahmen kommt eher schlicht daher, hat es aber in sich. Denn die Rohre sind vorne rund und hinten eckig. Wobei das Rahmenhauptrohr korrekterweise mit wabenförmig-plattgedrückt beschrieben werden kann. Im Verbund mit der Anbindung des Motors über Knotenbleche und die Verbindung von Steuer- und Unterrohr in derselben Weise ergibt das ein echtes Plus an Stabilität und ein kleines Minus an Eleganz. Dazu gehört auch, dass die Nähte der Schweißverbindungen hier nicht verschliffen sind. Erfreulich ist, dass der Rahmen trotz der hohen Akku-Position nicht leicht ins Flattern kommt, er bewältigt auch schwerere Lasten, zumindest solange es mit diesen nicht allzuschnell vorwärts gehen soll.

Im Stand sorgen der spreiz-Zweibeinständer und die Lenkerfeststellung für sicheren Stand auch mit schwerer Last. Und das ist auch nötig, können doch hinten 35 und vorne 15 Kilogramm Gepäck verstaut werden. Die Träger sind dabei so gestaltet, dass mit einem einfachen Klick diverse stilvolle Körbe, die für die Bikes entwickelt wurden und als Zubehör erhältlich sind, befestigt werden können.

Das Schalten übernimmt eine Shimano Achtgang-Schaltnabe, wie gewohnt mit Freilauf, das Bremsen besorgt die hydraulische Felgenbremse HS 11 von Magura. Die Lichtanlage arbeitet sowohl automatisch wie auch manuell und strahlt recht hell. Der rechteckige, unter dem Frontkorb befestigte Scheinwerfer bietet dabei einen breiten Lichtkegel und damit eine gute Fahrbahnausleuchtung.

 

Motor  und Akku
Verbaut ist der Bafang M 420 Mittelmotor mit 43 Volt Spannung. Hier muss man sagen, dass wir immer wieder Räder mit Bafang-Antrieb im Test haben und regelmäßig begeistert sind. Der Motor mag etwas spurtschwächer (am Berg) sein, entspricht aber seinem Einsatzzweck zu 100 Prozent. Dabei agiert er so sauber und geschmeidig wie die Medium-Produkte, aber dabei leiser als die meisten Konkurrenzantriebe. Und die Einstellmöglichkeiten sind (fast) Legion. Fünf Unterstützungs-Stufen sind vorhanden. Aber das ist nur der Eco-Modus, es gibt auch einen „Sport“Modus, mit wieder fünf Stufen. Die Krafteinleitung wird über einen Rotations- und einen Kraftsensor gesteuert und bei Schaltmanövern ausgeklinkt. In beiden Modi können die Steuerparameter auch noch individuell angepasst werden. Das übersichtliche HMI  zeigt als Grafik links die Geschwindigkeit und rechts die Wattangabe der augenblicklichen Unterstützung, der Bediensatellit ist ergonomisch geformt mit gut zu bedienenden Tasten.

Der (gewaltige) Akku bietet mit seinen 750 Wattstunden in der Top-Ausführung eine Reichweite bis zu 200 Kilometer und ist ganz konventionell über dem Hinterrad angebracht und gut ein- bzw. auszubauen. Dank einer „echten“ Griffmulde gestaltet sich das Tragen sehr angenehm. Die Ladezeiten sind Standard.

Gibt es Dinge am Common zu bemängeln? Eigentlich nicht, zumindest nichts Substanzielles. Der ausladende Lenker, der das Rad gut manövrierbar macht, behindert etwas, wenn es ums Eck geht, er neigt dazu, mit dem kurveninneren Knie zu kollidieren, aber das ist eine Sache der Einstellung. Der Spreizständer ist etwas im Weg, wenn man das Rad an einen Bügel anschließen will, aber auch das geht eben nicht anders. Zwischen dem Akku und dem Rohr des Gepäckträgers geht es, will man Fahrradtaschen einhängen – und hier gehen alle, nicht nur schmale – etwas eng zu, so dass das Einhängen manchmal zur kleinen Fummelei gerät. Und, auch hier ist das AXA Bügelschloss, Stichwort: Ein-Schlüssel-System, verbaut. Zu dem auch oben schon erwähnten umständlichen Prozedere kommt es aber nur, wenn das Bike ohne Akku bei engen Platzverhältnissen untergebracht werden soll.

Es gibt eine ganze Menge „Commons“ bei Cortina, der Name benennt nur die Rahmen-Konstruktion selbst. Los geht es mit einem 300 Wattstunden-Akku und Bafang Vorderrad-Motor schon bei 1.799 Euro. Unser „Top-Common“ liegt bei 2.699 Euro.

www.cortinafahrrad.de

Text: Werner Köstle
Bilder: Autor

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