Verlegenheitsstromer: Lexus UX 300e

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Lexus klingt nicht umsonst wie Luxus. Die Premiummarke des Massenherstellers Toyota kämpft seit Ende der 80er Jahre gegen das Vorurteil an, dass aus Japan keine außergewöhnlichen Autos für die Haute Volée kommen können. In den ersten Jahren waren die größten Mitbewerber der Lexus-Limousinen die Mercedes-Benz S-Klasse, der BMW Siebener und der Audi A8. Während bei den deutschen Premiumherstellern die Aufpreislisten immer länger wurden, versuchte man mit ziemlich üppig ausgestatteten Modellen gegenzusteuern. Es folgte die Diversifikation in die obere Mittelklasse, die Kompaktklasse und schließlich fand man seine Bestimmung bei den hochwertigen SUVs. Die brachte man, dank der einschlägigen Erfahrung der Mutter, auch als Hybriden, später auch PHEVs heraus.

Anders als Toyota?

Zumindest bei den Antriebskonzepten scheint man mit den Toyota-Traditionen nun zu brechen. Während dort allenfalls Plug-in Hybride in der Planung zu sein scheinen, debütiert man bei Lexus nun mit dem Lexus UX 300e, einer vollelektrischen Variante des bekannten Crossovers. Damit erklärt sich auch recht schnell, warum sich das Design nicht von den Verbrenner- und Hybrid-Varianten unterscheidet. Der UX 300e ist quasi eine Verlegenheitslösung, so wie sie von manchen Autobauern derzeit noch favorisiert wird.

Der Lexus UX 300e verfügt, da ursprünglich nicht als Stromer konzipiert, über keinen Frunk.

Lexus-typisch: Die hochwertige Verarbeitung

Lexus ist bekannt für hochwertige Verarbeitungsqualität, haptisch exzellente Materialen und in der Oberklasse unverzichtbarem Geräuschkomfort. Das will man auch beim UX 300e nicht anders machen. Über das Design des Crossovers kann man natürlich streiten, die Schnauze mit dem gigantischen Kühlergrill ist so gar nicht „Elektroauto-like“. Das liegt zum einen an der UX-Familie und zum anderen natürlich an der Zeit, aus der das Design stammt. Lexus weist darauf hin, dass es sich beim UX 300e zwar um den ersten seiner Gattung handelt, aber die elektrifizierte Modellpalette sukzessive ausgebaut werden wird. Man darf gespannt sein.

Wertiges Interieur mit altmodischer Optik

Auch bei der Innenraumgestaltung sind keine Experimente zu erwarten. Wer auf kühles, sachliches, nordisches Design steht, für den mag der Lexus UX 300e überladen wirken. Unzählige Schalterbatterien und ein zerklüftetes Cockpit geben für den Erstbenutzer zunächst Rätsel auf. Das Design wirkt wie aus dem letzten Jahrhundert und dürfte eher Menschen ansprechen, die, zumindest im Innenraum auf traditionelles „Verbrennerfeeling“ Wert legen. Die Mittelkonsole verfügt zwar über Getränkehalter, die jedoch ziemlich ungünstig positioniert sind. Auch der Navigationsbildschirm wirkt seltsam altmodisch und klein. Dafür entschädigen allerdings die hochwertigen Materialien.

Das Interior-Design ist Geschmackssache. Viele Schalter und ein kleiner Screen erinnern an Autos aus den 90er-Jahren des letzten Jahrtausends.

Für den Stadtverkehr ausgelegt

Der japanische Crossover ist nicht für die Langstrecke konzipiert, sondern wurde laut Infoblatt für den „Stadtverkehr“ und damit ein „urbanes Publikum“ optimiert. Da mutet es durchaus etwas seltsam an, wenn dann die überragenden Leistungsdaten in den Vordergrund gestellt werden. So verfügt der Wagen über einen 204-PS-starken Elektromotor, der eine „natürliche und direkte Beschleunigung“ garantiert. Mit vier Rekuperationsstufen, wählbar über Schaltwippen am Lenkrad, sowie die Fahrmodi Normal, Sport und ECO liegt der UX 300e auf der Höhe der Zeit.

Mit Energie versorgt wird der Motor durch eine beheizbare und kühlbare 54-kWh-Hochleistungsbatterie (52 kWh netto), die unter dem Fahrzeugboden platziert ist. Laut veraltetem NEFZ-Standard soll das für eine Reichweite von 400 Kilometern genügen. Die Reichweiten-Prognose der „ev-database.de“ führt hier schon realistischere Werte an. Die kombinierten Reichweiten schätzt man dort zwischen 230 und 310 Kilometern ein.

Asymmetrisch umklappbare Rückbank für mehr Platz. Leider entsteht so keine durchgehende Ebene.

Kein Reichweitenstar

Damit ist der Lexus UX 300e nicht unbedingt für die Langstrecke geeignet. Im Gegensatz zu den deutschen Premium-Stromern ist die Höchstgeschwindigkeit bei 160 km/h abgeregelt, die Beschleunigung von 0 auf 100 km/h absolviert der mindestens 1.850 kg schwere Kompakt-SUV in 7,5 Sekunden. Der Verbrauch soll sich laut Unternehmensangabe zwischen 17,1 und 16,8 kWh bewegen, was wir definitiv bezweifeln. Da passt dann auch die Ladeleistung von maximal 50 kW DC dazu. Hier ist eine Ladegeschwindigkeit von rund 57 Minuten für 190 weitere Kilometer möglich. Nachteil: der Lexus kommt nicht mit dem inzwischen auf dem europäischen Standard basierenden CCS Combo 2, sondern benutzt noch den in Japan favorisierten CHAdeMO-Standard. Auch beim Wechselstromladen sind mit 6,6 kW an der Wallbox keine Wunderzeiten zu erwarten. Über Nacht ist der Premiumstromer aber in der Regel wieder aufgeladen. Interessant: es gibt zwei Anschlüsse hinten links und rechts. Auf der einen Seite befindet sich der AC-, auf der anderen der DC-Anschluss.

Batterie mit 1 Million Kilometer Garantie

Wirklich außergewöhnlich ist aber die erweiterte Garantieleistung zur Batterie. Lexus gibt an, dass man eine erweiterte Garantie von bis zu 10 Jahren bzw. 1 Million Kilometer Fahrleistung gewährt. Sie deckt sämtliche Funktions- sowie Kapazitätsstörungen unter 70 Prozent ab. Die Garantie von 160.000 Kilometern oder 8 Jahren gilt, so das Unternehmen, standardmäßig. Das dürfte vielen potenziellen Käufern die Angst vor exorbitanten Reparaturrechnungen wegen einer defekten Batterie nehmen. Auch auf die Gebrauchtpreise sollte diese Garantie eine positive Wirkung haben.

Der UX 300e ist für den urbanen Einsatz ausgelegt, dafür aber reichlich groß ausgefallen

Preise und Ausstattungen

In der Grundausstattung kostet der Lexus UX 300e 47,550 Euro (inklusive 19 % MwSt.), das bedeutet, nach Abzug der staatlichen Subventionen ist der Wagen bereits ab unter 40.000 Euro zu haben. Will man eine Heckkamera, einen Park-Assistenten mit Sensoren, Regensensor und eine Dachreling aus Aluminium, sind 2.350 Euro Aufpreis für das Komfort-Paket nötig. Lederausstattung Smart Key, Lenkradheizung und Ladeschale für kabelloses Laden für Smartphones etc. verlangt das Executive Paket mit 4.300 Euro Aufpreis. 5.600 Euro kostet das Luxury-Paket beispielsweise mit Mark Levinson Audiosystem, Premium-Navigationssystem, Head-up Display, Totwinkelwarner und so weiter. Aufpreise für Glas-Schiebe-Hebedach und Metallic-Lackierung runden die Aufpreisliste ab.

Fazit:

Der elektrische Lexus hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck. Günstig ist der Wagen nicht, was letztlich auch nicht erwartet wurde. Schließlich reden wir von der Premium-Klasse. Positiv ist, dass sich Lexus mit dem ursprünglich als Verbrenner konzipierten UX 300e, nicht auf einen – ohnehin aussichtslosen – Reichweitenwettbewerb einlässt und entsprechend eine vernünftige, vergleichsweise kleine Batteriegröße wählt. Warum man für die E-Premiere dann aber ausgerechnet ein Modell gewählt hat, deren Maße (4,495 m Länge und 1,840 m Breite) so gar nicht zum propagierten urbanen Einsatz passen, erschließt sich uns nicht.    Der Schnellladestandard CHAdeMO kommt in Europa inzwischen kaum mehr zum Zuge, selbst die japanischen Hersteller Nissan beim neuen Ariya oder Honda bei seinem Stromer „e“ setzen auf das inzwischen weit verbreitete CCS Combo 2-System.

Wir glauben, dass es der erste Elektro-Lexus hierzulande nicht leicht haben wird, sich in einer Nische auf dem Stromermarkt zu etablieren. Dennoch könnten die für den hiesigen Markt angepeilten 200 Exemplare im Bereich der Möglichkeit liegen. Schließlich gibt es auch unter EV-Kunden einige, die Wert auf das Besondere legen.

www.lexus.de

Text: Bernd Maier-Leppla/Peter Grett

Bilder: Lexus

 

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Bernd Maier-Leppla
Ein Allgäuer in München. Studierte zunächst zwei Semester Maschinenbau an der TU und folgte dann auf Anraten seiner Freunde dem Herzen und studierte Kommunikationsdesign. Seit 1990 Selbständig und Geschäftsführer der Werbeagentur TWENTYFIRST Communications GmbH. Jahrelang beobachtete Bernd Maier-Leppla die Elektromobilität (vor allem Tesla) und entschloss sich Ende 2018 mit e-engine.de ein eigenes Portal zu Elektromobilität, autonomem Fahren und Verkehrswende zu gründen. Seit Dezember 2019 arbeitet er enger mit touremo in einer Kooperation zusammen.

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